Ärztemangel

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Nach Aussagen des Patientenbeauftragten der Bundesregierung ist in Deutschland die flächendeckende hausärztliche Versorgung bedroht. Insbesondere ländliche Regionen, aber auch einige Stadtteile sind betroffen.

Zahlen und Fakten[Bearbeiten]

  • Von 1995 bis 2013 ist die Zahl der niedergelassenen Allgemeinmediziner/innen und praktische Ärzte/innen in Deutschland von 46.092 auf 33.780 gesunken.
  • Im Jahr 2013 lag das Durchschnittsalter aller niedergelassenen Ärzte/innen bei rund 53,1 Jahren. Ein Drittel war mindestens 60, jede/r Zehnte mindestens 65 Jahre alt.
  • Deutschland bildet derzeit zu wenig Mediziner/innen aus. Absolvierten im Jahr 1993 noch rund 18.355 Studierende erfolgreich ein Studium der Humanmedizin (ohne Zahnmedizin), waren es im Jahr 2012 nur noch 16.296.
  • Nach einem 2014 veröffentlichten Gutachten des Sachverständigenrates zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen (siehe Materialien) waren 1993 noch 59,7 Prozent der Vertragsärzte in der hausärztlichen Versorgung tätig, 2012 nur noch 45,9 Prozent.
  • Nach Statistiken des nordrhein-westfälischen Ministeriums für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter droht in Nordrhein-Westfalen bereits jetzt in 92 Gemeinden eine Gefährdung der hausärztlichen Versorgung. In 48 weiteren Gemeinden erscheint eine solche Gefährdung zumindest auf mittlere Sicht möglich.
  • Durch eine Umfrage unter den rund 1.100 Kommunen in Baden-Württemberg hat der Hausärzteverband Baden-Württemberg im Jahr 2016 festgestellt, dass etwa jede zweite dieser Kommunen in den nächsten fünf Jahren eine Verschlechterung der hausärztlichen Versorgung erwartet. Von den rund 7100 in Baden-Württemberg ansässigen Hausärzten seien 35 Prozent älter als 60 Jahre.[1] Ähnlich die Ergebnisse einer Online-Umfrage der baden-württembergischen Landesvertretung der Techniker Krankenkasse im Sommer 2016: Unter den ca. 200 teilnehmenden Kommunen halten 36% die Zahl der Hausärzte vor Ort für unzureichend. Jede zweite Kommune rechnet damit, dass sich die Versorgungssituation in den nächsten fünf Jahren verschlechtern wird.[2]0
  • In Mecklenburg-Vorpommern waren im Herbst 2017 ca. 180 Hausarztpraxen nicht besetzt, ca. 300 Ärztinnen und Ärzte gehen innerhalb der kommenden Jahre in den Ruhestand. Die Landespolitik hat sich noch nicht auf konkrete Maßnahmen geeinigt.[3]

Handlungsmöglichkeiten[Bearbeiten]

Zur Verbesserung der Situation können verschiedene Akteure/innen beitragen: die kassenärtzlichen Vereinigungen, die Krankenkassen, Länder und Kommunen. Letztere können seit 2012 eigene Einrichtungen zur unmittelbaren medizinischen Versorgung der Versicherten eröffnen und damit an der vertragsärztlichen Versorgung teilnehmen. Beispiele politischen Handels aus einigen Bundesländern zeigen die Möglichkeiten auf:

Baden-Württemberg[Bearbeiten]

  • "Hausarzt-Tour": Bei der "TK-Hausarzt-Tour" brachte die Techniker Krankenkasse Medizinstudent/inn/en und Bürgermeister/innen ins Gespräch. Dabei warben die Kommunen um die Niederlassung als Hausarzt und stellten u.a. günstiges Bauland in Aussicht. Es zeigte sich aber auch, dass junge Mediziner/innen häufig lieber angestellt und im Team als allein und selbständig arbeiten möchten.[4]
  • Masterplan: Der Landkreis Calw hat für eine vorausschauende Planung einen Masterplan "Hausärztliche Versorgung im Landkreis Calw" entwickelt. Dabei kam ihm zugute, dass der Landkreis als Beispielfall für die Entwicklung des digitalen Werkzeugs Erreichbarkeitssicherung im ländlichen Raum diente, sodass ausreichend räumliche Planungsdaten - auch in Form von Szenarien für die zukünftige Entwicklung - zur Verfügung standen.
  • Gesundheitszentrum: Die Gemeinde Knittlingen (Enzkreis) plant den Bau eines Gesundheitszentrums, in dem mehrere Ärzte unter einem Dach praktizieren. Dies soll die ärzliche Versorgung sicherstellen und kann den Patient/innen Wege sowie den Ärzt/inn/en Personalkosten sparen helfen.[5]
  • Kommune investiert in Arztpraxis: Die Gemeinde Lehrensteinsfeld (Landkreis Heilbronn, wie alle folgenden) hat in der Ortsmitte eine Praxis gebaut und vermietet diese ohne Renditeerwartung an einen Allgemeinmediziner. Ähnlich Cleebronn, das neben den Baukosten von 500.000 € noch 100.000 € in die Praxiseinrichtung investierte. Neckarwestheim förderte mit 1,5 Mio. € ein Ärztehaus mit Apotheke sowie 14 betreuten Wohnungen. Ellhofen lobte öffentlich eine Prämie von 5.000 € für die Vermittlung eines Arztes aus und hält auf eigene Kosten neu gebaute Räumlichkeiten für eine Praxis frei. Mulfingen und Eppingen schalteten Anzeigen und beauftragten Personalvermittler. Das ehemalige Eppinger Krankenhaus war schon vor Jahren in ein Ärztezentrum umgebaut worden. Güglingen gibt Allgemein- und Fachärzten einen Zuschuss von 50.000 Euro, wenn sie sich im Ort niederlassen.[6]

Bayern[Bearbeiten]

  • KVB erstellt Karte: Der Planungsbereich Feuchtwangen ist nach den Daten der Kassenärztlichen Vereinigung Bayern (KVB) akut unterversorgt, hier fehlen rechnerisch fünfeinhalb Hausärzte/innen. Darüber hinaus sieht die KVB eine drohende Unterversorgung in folgenden Planungsbereichen:[7]
  • Kommunale Arztpraxis: Die Gemeinde Dentlein am Forst (Landkreis Ansbach), die zu diesem Planungsbereich gehört, entschied schon 2011, eine Arztpraxis zu bauen und an einen Arzt zu vermieten, um durch niedrigere Investitionskosten einen Anreiz für die Niederlassung zu schaffen. Mit Erfolg; heute werden in dieser Praxis ca. 1.800 Patient/inn/en betreut.[8]
  • Harsdorf (Landkreis Kulmbach) hat vor vier Jahren eine Arztpraxis eingerichtet. Dazu wurde das ehemalige Bahnhofsgebäude erworben und zum "Gesundheitsbahnhof" umgebaut. Die Hälfte der Kosten musste die Gemeinde selbst aufbringen, sie konnte jedoch Mittel der Städtebauförderung einwerben. Außer einer allgemeinmedizinischen Praxis, in der inzwischen auch ausgebildet wird, befinden sich im Gebäude eine Physiotherapiepraxis und zwei barrierefreie Wohnungen.
  • Die Gemeinde Effeltrich (Landkreis Forchheim) hat seit Sommer 2017 ein Ärztehaus. Die notwendigen Investitionen von 1,8 Mio. € übernehm die Raiffeisenbank, die dafür ein kommunales Grundstück erwarb. Vier Ärztinnen und Ärzte arbeiten in der Praxis, in der auch ausgebildet wird. Im Gebäude gibt es zudem Praxen für Physiotherapie, Logopädie und ambulante Pflege.
  • Stipendien: Der Landkreis Coburg fördert seit dem Wintersemester 2014/2015 Studierende bis zu fünf Jahre mit 300 Euro pro Monat. Dafür sagen sie zu, ihre Allgemeinarzt-Weiterbildung im Weiterbildungsverbund am Klinikum Coburg zu absolvieren und zwei Jahre als Hausärzte im Landkreis zu arbeiten. Betreut wird das Programm von der Geschäftsstellenleiterin des Netzwerks "Gesundheitsregion Plus". Bisher haben elf Stipendiat/inn/en die Förderung genutzt, in den kommenden Jahren wird etwa ein Absolvent pro Jahr die Tätigkeit aufnehmen. Etwa 2023 könnte der/die Erste eine Praxis übernehmen.[9]

Mecklenburg-Vorpommern[Bearbeiten]

  • In Mecklenburg-Vorpommern gibt es 1130 niedergelassene Hausärzte, etwa 125 Stellen sind nicht besetzt (Stand: Ende 2017). Das Land stellt Medizinstudent/inn/en bis 2022 eine Million Euro für Stipendien zur Verfügung. Wer ein solches Stipendium erhält, verpflichtet sich, nach dem Studium und der Facharztweiterbildung für mindestens fünf Jahre in ländlichen Regionen oder im öffentlichen Gesundheitsdienst Mecklenburg-Vorpommerns ärztlich tätig zu sein.
  • Gesundheitsminister Harry Glawe (CDU) regt zudem die Kommunen dazu an, ein "Attraktivitätsprofil" mit Parametern wie Infrastrukturangebote, Kitas, Schulen und Verkehrsmöglichkeiten zu erstellen, das mit der Liste der Kassenärztlichen Vereinigung zu freien oder frei werdenden Arztstellen verbunden werden kann.[10]

Niedersachsen[Bearbeiten]

  • Der Niedersächsische Städte- und Gemeindebund (NSGB) hat einen Arbeitskreis gegründet, der die Probleme aus den Kommunen aufgreifen, einen Handlungskatalog erarbeiten und die Landespolitik in die Pflicht nehmen soll. Er hält die Tatsache für alarmierend, dass in Niedersachsen aktuell (Juni 2017) 359 Hausarztsitze unbesetzt sind. Der NSGB setzt im Dialog mit der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachen (KVN) zunächst auf eine ausführliche Situationsanalyse. Er fordert eine Aufstockung der Studienplätze für Medizin und ihre Vergabe an Bewerber/innen, die sich zur Niederlassung im ländlichen Raum verpflichten. Dagegen haben sich jedoch die Kassenärztliche Vereinigung und auch die SPD-Fraktion im Landtag positioniert. Die hausärztlichen Planungsbereiche sollten, so der NSGB, deutlich kleiner gefasst werden, um die Situation in einzelnen Kommunen besser abzubilden. Der Sicherstellungsauftrag für die Ärzteversorgung liege jedoch bei der KVN, nicht den Kommunen.[11]
  • Der NSGB brachte ebenfalls einen "Rechtsanspruch auf einen Hausarzt in zumutbarer Nähe" in die Diskussion, was die Landesgesundheitsministerin jedoch nicht für durchsetzbar hält.[12]
  • Der Landkreis Holzminden gründet gemeinsam mit den kreisangehörigen Gemeinden, der Ärzteschaft und der Kassenärztlichen Vereinigung einen Ausbildungsverbund, um die Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin im Landkreis zu unterstützen. Dazu wurde im Dezember 2017 ein "Letter of Intent" (Absichtserklärung) unterzeichnet. Die Initiative entstand im Rahmen der Gesundheitsregion Holzminden.[13]

Nordrhein-Westfalen[Bearbeiten]

  • Landarztquote: Die 2017 neugewählte Landesregierung plant im Koalitionsvertrag eine "Landarztquote": Jeder zehnte Medizinstudienplatz soll an Bewerber/innen vergeben werden, die sich für ein Stipendium verpflichten, später für bis zu 10 Jahre auf dem Land zu arbeiten.
  • Versorgungszentren: Unter NRW-Kommunen wird auch über die Gründung kommunaler medizinischer Versorgungszentren diskutiert, durch die Ärzte/innen eher mit geregelten Arbeitszeiten und einem festen Einkommen rechnen können.
  • Gesundheitslotse: Im Kreis Steinfurt beschloss der Kreisausschuss, die Stelle eines Gesundheitslotsen im Gesundheitsamt einzurichten. Von hier aus will man um die Niederlassung junger Ärzte im Kreisgebiet werben. Hausärzten sollen günstige Baugrundstücke und Unterstützung bei der Suche nach einer Kinderbetreuung angeboten werden.[14]

Thüringen[Bearbeiten]

  • Zulage für Amtsärzte: Nach Angaben des MDR waren im Januar 2016 in Thüringen von den 127 Stellen für Amtsärzte nur 78 besetzt. Daher würden die Aufgaben der Gesundheitsämter wie Impfkontrollen, Vorschuluntersuchungen oder medzinische Eignungsprüfungen nur noch partiell erfüllt. Hauptgrund für den Personalmangel sei die schlechtere Bezahlung im Vergleich zu Ärzten in Krankenhäusern. Daher haben einige kommunale Arbeitgeber mit finanzieller Unterstützung des Landes eine Zulage für Amtsärzte eingeführt. Das Land trägt die Hälfte des Zuschusses und hat 2016 hierfür 500.000 €, im Folgejahr 600.000 € bereitgestellt. Ende 2017 machten der (Landkreis Schmalkalden-Meiningen, der Landkreis Hildburghausen, der Landkreis Unstrut-Hainich, der Ilm-Kreis und der Kyffhäuserkreis) und die kreisfreien Städte Gera und Suhl von dieser Möglichkeit Gebrauch; insgesamt 12 Mediziner im öffentlichen Gesundheitsdienst erhielten einen kommunalen Gehaltszuschuss. Der Thüringer Verband der Ärztinnen und Ärzte im öffentlichen Gesundheitsdienst fordert hingegen eine bessere Bezahlung nach Tarifvertrag. Eine kommunale Zulage sei nur eine Kann-Bestimmung, die Ärztinnen und Ärzte müssten in jedem Einzelfall darum kämpfen.[15]

Fußnoten[Bearbeiten]

  1. focus: Kommunen befürchten größer werdenden Hausärztemangel, 20.07.2016
  2. Ärzte-Zeitung: Ohne Rat und Tat gegen Hausärzte-Mangel, 22.07.2016
  3. NDR, MV gibt mehr Geld an Kommunen weiter, 18.10.2017
  4. Ärzte-Zeitung: Kommunen locken Landärzte mit günstigen Bedingungen, 17.08.2016
  5. Pforzheimer Zeitung, Ärztemangel: Kommunen in Sorgen - neue Ideen aus Knittlingen (19.01.2018)
  6. Alle Beispiele aus dem Landkreis Heilbronn aus: Stimme.de, Kommunen suchen verzweifelt nach Ärzten, 07.02.2018
  7. Vgl. Karte der KVB
  8. BR, Kommune lockt Landarzt, 08.02.2017
  9. Alle drei Beispiele aus Oberfranken aus: Ärzte-Zeitung, Ärztemangel in Oberfranken – Not macht Kommunen erfinderisch, 07.03.2018
  10. Welt, Kommunen können bei Suche nach Ärzten helfen, 18.11.2017
  11. NSGB, Uns fehlen Ärzte!, Pressemitteilung vom 21.03.2017; Hannoversche Allgemeine, Kommunen wollen Ärzte auf Dörfer zwingen, 23.07.2017; NSGB, Hilfen gegen Ärztemangel: Bessere Planung und mehr Studienplätze!, Pressemitteilung vom 9.6.2017
  12. wetter.com, Kommunen wollen Rechtsanspruch auf Hausarzt in der Provinz, 24.07.2017
  13. meine onlinezeitung, Letter of Intent unterschrieben, 25.12.2017
  14. WDR, Land und Kommunen gegen Landärztemangel, 28.06.2017
  15. MDR, Kommunen wollen Amtsärzte besser bezahlen, 21.01.2016; Thüringer Allgemeine, Land greift Kommunen bei besserer Bezahlung von Amtsärzten unter die Arme, 09.01.2017; inSüdthüringen, Kommunen nutzen Landesgeld für Gehälter von Amtsärzten, 17.11.2017

Materialien[Bearbeiten]