Antisemitismus

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Unter Antisemitismus versteht man die Feindschaft gegenüber Jüdinnen und Juden. Es gibt unterschiedliche Formen des Antisemitismus, heute aktuell sind der sekundäre Antisemitismus und die antisemitische Israelkritik.

Antisemitismusforschung[Bearbeiten]

Die Antisemitismusforschung hat ihren entscheidenden Anstoß durch die Politik des Nationalsozialismus und die damit verbundene Vernichtung der europäischen Juden bekommen. So beschäftigen sich verschiedene wissenschaftliche Disziplinen mit dem Thema, wie beispielsweise die Theologie, die Mittelalterforschung, die Rechtsgeschichte, die Medizin, die Psychologie, die Pädagogik, die Kunstgeschichte, die Theaterwissenschaft, die Sprachwissenschaft und auch die Politik- und Sozialwissenschaften.[1]

Erscheinungsformen von Antisemitismus[Bearbeiten]

Die religiöse Judenfeindschaft, auch Antijudaismus genannt, bildet den Schwerpunkt bis in die Kaiserzeit. Sie wurzelt im Konflikt zur Mehrheitsreligion, dem Christentum und bildet das Fundament für den modernen Antisemitismus.[2] Er wirkt auch heute noch als „Welterklärungsmodell Unaufgeklärter“, indem die Behauptung des Gottesmords bis hin zur Ritualmordlegende aufrechterhalten wird.[3] Benz schreibt, dass das Erbe der christlichen Judenfeindschaft im Ressentiment der „unbewussten Gewissheit“ über Generationen tradiert wird.[4] Generell spielt der Antijudaismus keine zentrale Rolle mehr, d.h. christliche Vorbehalte gegen Juden sind sehr selten mit Diskriminierungsforderungen verbunden. Konfession und Kirchenanbindung haben nur einen geringen Einfluss auf antisemitische Einstellungen.[5] Zu dieser Form von antisemitischer Einstellung neigen ältere Christen, bei denen Traditionalismus und Konservatismus den Weg zur religiösen Toleranz verstellen.[6] Als weitere frühe Formen des Antisemitismus bildeten sich der soziale und der kulturelle Antisemitismus heraus.

Im sozialen Antisemitismus werden Juden als ausbeuterische und unproduktive „Händler“ und „Wucherer“ angesehen.[7] Dieser Antisemitismus wurde von breiten Kreisen vertreten: vom konservativen Teil des Staatsapparats bis hin zu Bauern und Kaufleuten.

Der kulturelle Antisemitismus wurde vorangetrieben durch Richard Wagner. Er „enttarnte“ die Juden als Erneuerer der Kunst und Kultur und unterstellte ihnen, sie würden in die deutsche Kultur eindringen und die Vorherrschaft anstreben.[8] Der rassistische/ moderne Antisemitismus war eine Pseudowissenschaft der Rassetheoretiker und völkischen Ideologen, der im Nationalsozialismus und im Völkermord seinen barbarischen Höhepunkt erreichte. Er wird auch Erlösungsantisemitismus genannt. Hier wird nach sozialdarwinistischem Vorbild davon ausgegangen, dass es starke und schwache Rassen gibt, die Juden waren demnach „Untermenschen“, aber intelligente Feinde, die deshalb gefährlich waren.[9] Inhaltlich geprägt war diese Form weiterhin durch die Angst vor „rassischer Entartung“ des eigenen Volkes, gepaart mit dem Glauben an Erlösung, die durch völlige „Entfernung“ der Juden realisiert werden sollte.[10] In diesen Komplex gehört auch der Vorwurf der „doppelten Loyalität“, in dem unterstellt wird, die Identifizierung mit dem Judentum würde der des Deutschseins bevorzugt werden.[11] Im gleichen Zuge wurde die Behauptung aufgestellt, die jüdische Bevölkerung sei eine „soziologisch, kulturell, politisch und geistig geschlossene Gruppe mit gleichartigen Überzeugungen, Verhaltensweisen und Reaktionen auf die Bedrohungen“.[12] Diese Form der Judenfeindschaft, war nicht mehr nur als Einstellung vorhanden, sondern schlug sich massenhaft in Verhalten nieder, vor allem in „primitivsten Formen physischer Gewalt und Verfolgung“[13]. Es begann mit Geschäftsboykotten[14] und Diskriminierungen im Alltag und endete mit der physischen Vernichtung. Die daraus hervorgegangenen Stereotype sind heute im Alltagdiskurs noch zu finden.[15] Das klassisch antisemitische Judenbild umfasst nach Bergmann/Erb folgende negative Eigenschaftszuschreibungen: 1. den machthungrigen Juden (machthungrig, politisch radikal, rücksichtslos), 2. den gefährlichen Juden (unheimlich, unberechenbar, falsch/hinterhältig, zerstörerisch/zersetzend, verschwörerisch), 3. den nachtragenden Juden (nachtragend, unversöhnlich, überheblich) und 4. den geldgierigen Juden (geldgierig/raffgierig).[16]

Aktuelle Formen des Antisemitismus[Bearbeiten]

Als heute vorherrschende Form ist der sekundäre Antisemitismus zu nennen, der die bekannten Vorurteile versteckt aufgreift. Dieser ist stark geprägt von den Folgen des Zweiten Weltkriegs, manche Autoren bezeichnen ihn als „Antisemitismus wegen Auschwitz“, weil er auf der Grundlage der Abwehr der Erinnerung an Auschwitz fußt.[17] Das revisionistische Weltbild äußert sich in der Verleugnung der Judenvernichtung, relativierenden Vergleichen, einer Täter-Opfer-Umkehr, oder abstrusen Theorien einer „jüdischen Umerziehungskampagne“.[18] Daraus resultieren einige Forderungen, wie die nach einem Schlussstrich unter die deutsche Vergangenheit oder die Verweigerung von Wiedergutmachungszahlungen an Juden. Ebenfalls zum sekundären Antisemitismus gehört Kritik an Israel, die Parallelen zum Holocaust zieht oder Antiamerikanismus, der eher in linken Kreisen zu finden ist und dem eine verkürzte Kapitalismuskritik zugrunde liegt. Bergmann und Erb fassen es in drei Komplexe: 1. Schuldfrage und Schlussstrich, 2. Einstellung zum Dritten Reich und zur Wahrheit des Holocaust und 3. Wiedergutmachung und Verantwortung für die Opfer.[19] Die Juden in Deutschland personifizieren den Völkermord,[20] deshalb richten sich diese Tendenzen gegen sie. Nicht vergessen werden sollte zudem die hohe Korrelation zwischen fremdenfeindlichen und antisemitischen Einstellungen, die auf die gleichen Vorurteilsstrukturen aufbauen und sich gegenseitig bestärken können.[21] Dem widerspricht lediglich Rensmann, dem das Austauschen der Opfer von Gewalt und Ausgrenzung zu beliebig ist.[22] Rensmann stellt die These auf, dass im Antisemitismus ein inhaltlicher Wandel stattgefunden hat vom modernen zum modernisierten Antisemitismus. Während der moderne noch ein Weltdeutungssystem war, zeichnet sich der modernisierte aus durch das Vermeiden des Wortes „Jude“. Stattdessen werden die Begriffe Ostküste, Israel oder Zionisten gebraucht. Er ist also symbolischer und indirekt und daher schwer zu enttarnen.[23] Und weil weder Philosemitismus, noch Israelfeindschaft noch die Bagatellisierung des Holocaust als Antisemitismus wahrgenommen werden, spricht Rensmann auch von verdecktem Antisemitismus, der den Betreffenden nicht bewusst ist.[24] Letzten Endes wäre der eliminatorische Antisemitismus zu nennen, der nicht ganz unumstritten ist.[25] Diese Form hat Daniel Jonah Goldhagen ins Spiel gebracht. Er bezieht sich auf die lange Tradition des Antisemitismus in Deutschland, durch die der eliminatorische Charakter schon früh festgelegt wurde. Die Macht in den Händen der Nationalsozialisten gab dem „bösartigen“ aber zumindest latenten Antisemitismus seinen brutalen Antrieb und das passierte nur in Deutschland.[26] Eine kleine Unterstützung bekommt Goldhagen von Bergmann, der schreibt, dass der NS- Antisemitismus auf die völlige Entfernung der Juden zielte.[27] Bergmann und Erb haben in ihrer Analyse empirischer Studien zu Antisemitismus in der BRD einige Erkenntnisse zu den Trägerschichten von Antisemitismus gewonnen: Sie gehören eher zu den Generationen, die den NS miterlebt haben oder durch ihn sozialisiert wurden. Des Weiteren neigen eher Menschen mit rechten Einstellungen und Menschen mit niedrigem Bildungsstand zu antisemitischen Einstellungen.

Verbreitung des Antisemitismus in Deutschland[Bearbeiten]

Es sind drei Schwerpunkte von Erscheinungsformen des Antisemitismus in der BRD zu erkennen: 1. der Religiöse, 2. der NS-Antisemitismus und 3. der sekundäre Antisemitismus. Letzterer wird vorwiegend von älteren Menschen und Menschen mit niedrigem Bildungsstand vertreten. Wie stark sie von der deutschen Bevölkerung vertreten werden, hat die Studie Heitmeyers untersucht.[28] Demzufolge ist der Klassische Antisemitismus in der deutschen Bevölkerung eher gering vertreten mit 16,4 Prozent und 21,5 Prozent[29]. Der sekundäre Antisemitismus (68,3 Prozent bzw. 62,2 Prozent) ist sehr hoch und nimmt zusammen mit der Israelkritischen Einstellung (81,9 Prozent bzw. 86 Prozent) die Spitzenplätze der Formen von Antisemitismus ein. Weniger, aber immernoch mit hohen Prozentzahlen, sind die anderen Formen des aktuellen Antisemitismus zu finden: der Israelbezogene Antisemitismus (31,7 Prozent bzw. 44,4 Prozent), die Antisemitische Separation (55,6 Prozent bzw. 47,8 Prozent), gemeint ist der Loyalitätsmangel der Juden in Bezug auf Deutschland unterstellt wird und die NS-vergleichende Israelkritik (68,3Prozent bzw. 51,2Prozent). Bei diesen alarmierenden Werten muss noch einmal auf Rensmann hingewiesen werden, der auch von verdecktem bzw. unbewusstem Antisemitismus spricht, der den Trägern nicht bewusst ist.

Fußnoten[Bearbeiten]

  1. Bergmann, Werner/ Körte, Monika (Hrsg.): Antisemitismusforschung in den Wissenschaften, Metropol Verlag, Berlin 2004
  2. Benz, Wolfgang: Was ist Antisemitismus?, Verlag C.H. Beck, München 2004 (S.82)
  3. Ebd.
  4. Ebd.
  5. Bergmann/Erb: Die Verbreitung antisemitischer Einstellungen in der westdeutschen Bevölkerung, in: Bergmann/Erb: Antisemitismus in der Bundesrepublik Deutschland – Ergebnisse der empirischen Forschung von 1946-1989, Leske + Budrich, Opladen 1991 (S.99)
  6. Ebd. (S.102)
  7. Pfahl-Traughber, Arnim: Antisemitismus in der deutschen Geschichte; in Beiträge zur Politik und Zeitgeschichte, Leske + Budrich, Opladen 2002 (S.39)
  8. Pfahl-Traughber 2002 (S. 54)
  9. Goldhagen, Daniel Jonah: Das Handeln der Täter: Die konkurrierenden Erklärungsansätze, in: Goldhagen: Hitlers willige Vollstrecker. Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust, Goldmann Verlag, Berlin 1996(S.482)
  10. Bergmann 2002 (S.102)
  11. Benz, Wolfgang: Der Holocaust, C.H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung,4. Auflage, München 1999 (S.17)
  12. Ebd. (S. 17)
  13. Benz, Wolfgang/ Bergmann, Werner: Vorurteil und Völkermord – Entwicklungslinien des Antisemitismus, Verlag Herder Freiburg im Breisgau, 1997 (S.377)
  14. Kahn, Siegbert: Antisemitismus und Rassenhetze – Eine Übersicht über ihre Entwicklung in Deutschland, Dietz-Verlag Berlin, 1948 (S. 76)
  15. Benz, Wolfgang: Was ist Antisemitismus?, Verlag C.H. Beck, München 2004 (S.115)
  16. Bergmann, Werner / Erb, Rainer: Antisemitismus in der Bundesrepublik Deutschland – Ergebnisse der empirischen Forschung von 1946-1989, Leske + Budrich, Opladen 1991 (S.116)
  17. Wetzel, Juliane: Antisemitismus, Ideologische Grundlage und Bindeglied des Rechtsextremismus, in: Mecklenburg, Jens (Hrsg.): Handbuch deutscher Rechtsextremismus, Elefanten Press, Berlin 1996 (S. 695)
  18. Ebd. (S.695 ff.)
  19. Bergmann, Werner/ Erb, Rainer: Antisemitismus in der Bundesrepublik Deutschland – Ergebnisse der empirischen Forschung von 1946-1989, Leske + Budrich, Opladen 1991 (S.233)
  20. Rensmann , Lars: Kritische Theorie über den Antisemitismus – Studien zu Struktur, Erklärungspotential und Aktualität, Argument Verlag, Berlin/Hamburg, 1998 (S.337)
  21. Wetzel, Juliane: Antisemitismus, Ideologische Grundlage und Bindeglied des Rechtsextremismus, in: Mecklenburg, Jens (Hrsg.): Handbuch deutscher Rechtsextremismus, Elefanten Press, Berlin 1996 (S. 699) Auch Bergmann/Erb haben diesen Zusammenhang festgestellt.
  22. Rensmann , Lars: Kritische Theorie über den Antisemitismus – Studien zu Struktur, Erklärungspotential und Aktualität, Argument Verlag, Berlin/Hamburg, 1998 (S.162)
  23. Rensmann, Lars: Demokratie und Judenbild, Antisemitismus in der politischen Kultur der Bundesrepublik Deutschland, Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2004 (S.71)
  24. Ebd. S.78
  25. Büttner, Ursula: Die Deutschen und die Judenverfolgung im Dritten Reich, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, November 2003 (S.15) meint dazu: „Von der Geschichtswissenschaft wurde Goldhagens Buch wegen seiner methodischen Mängel und inhaltlichen Verkürzungen, u. a. wegen seiner schmalen Quellengrundlage, der monokausalen Erklärung und der ungerechtfertigten Pauschalurteile, mehr oder weniger scharf abgelehnt; allerdings wurde ihm dabei meistens zugestanden, dass es auf wichtige, bisher zu sehr vernachlässigte Probleme hingewiesen habe.“
  26. Goldhagen, , Daniel Jonah: Das Handeln der Täter: Die konkurrierenden Erklärungsansätze, in: Goldhagen: Hitlers willige Vollstrecker. Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust, Goldmann Verlag, Berlin 1996
  27. Bergmann, Werner: Geschichte des Antisemitismus, Verlag C.H. Beck, München 2002 (S.112)
  28. Heyder, Aribert / Iser, Julia / Schmidt, Peter: Israelkritik ohne Antisemitismus? Meinungsbildung zwischen Öffentlichkeit, Medien und Tabus, in: Heitmeyer, Wilhelm: Deutsche Zustände Folge 3, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2005 (S.151)
  29. Die unterschiedlichen Zahlen sind darauf zurückzuführen, dass unterschiedliche Fragen zu einem Thema gestellt wurden. Die erste Frage wurde von 16,4 Prozent der Deutschen bejaht, die zweite mit 21,5Prozent.

Links[Bearbeiten]