Baukulturelles Erbe in den Städten

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Der demografische Wandel, der Schutz des Klimas und der Schutz vor dem Klima sind die großen Herausforderungen der kommenden Jahre für unsere Gebäude, unsere Städte und Gemeinden. Auch Baudenkmäler und historische Stadtlandschaften werden sich diesen Anforderungen stellen müssen.

Schon jetzt weisen viele historische Innenstädte hohe Leerstände auf. Einkaufsstraßen sind „leergewohnt“; denn jeder Meter Fassade wurde für den Einzelhandel vermarktet. Für viele Hausbesitzer ist die Vermietung der Obergeschosse für Wohnzwecke uninteressant und kaum möglich, da eine schlechte Erschließungssituation, fehlende Parkplätze sowie unsanierte Gebäudesubstanz diese Wohnungen für Wohnungssuchende unattraktiv machen. Es wird kaum investiert und entsprechend hoch ist das energetische Sanierungspotential in diesen Innenstadtgebieten. Studien sprechen von einem energetischen Einspareffekt von bis zu 80 Prozent.

Umso mehr verwundert es, dass gerade hier ein enormer Widerstand aus der Fachwelt kommt. Vom „Volk der Dichter und Dämmer“ ist die Rede, welches ohne Rücksicht auf historische Bausubstanz saniert. Energiesparer und Klimaschützer werden als Stadtzerstörer beschimpft, und der Vorwurf, dass mit Wärmedämmverbundsystemen die größte Altlast der Zukunft produziert wird, macht hartnäckig die Runde.

Also Grund genug für uns in der Grünen Bundestagsfraktion, sich intensiver mit dem Thema zu beschäftigen. Ende 2010 haben wir in Berlin zu einem Fachgespräch „Denkmalschutz und Energieeffizienz gehören zusammen?!“ eingeladen. Gut 70 Fachleute und ExpertInnen trugen zu einem regen fachlichen Austausch bei.

Stadtbildprägende Gebäude[Bearbeiten]

Warum gefällt uns die französische Kleinstadt im Urlaub so? Warum stürzten sich Stadtplaner und Historiker auf die Städte in den neuen Bundesländern? Über die Jahrhunderte hat sich unsere Gebäudesubstanz immer wieder verändert, musste sich anpassen, wurde zerstört und wieder aufgebaut. Nur wenige Gebäude und Orte in Deutschland weisen eine echte historische Bausubstanz auf.

Aber Menschen spüren das Authentische. Städte, die in ihrer Entwicklung ihrer Historie Raum gaben und ihre Geschichte wertschätzen, bekommen diesen besonderen Charme – dieses Flair. Es inspiriert(e) Dichter und Denker, lässt Reisende verweilen und bewirkt, dass Bewohner sich mit ihrer Stadt, mit ihrem Viertel identifizieren und zu einer Bürgerschaft werden. Dies gilt es zu erhalten und dies muss zum Leitbild der energetischen Sanierung unserer Städte werden.

Der demografische Wandel[Bearbeiten]

Durch den demografischen Wandel stehen viele Regionen vor einem Umbruch. Einige Regionen werden Siedlungen zurückbauen müssen, während andere weiter wachsen. Dazu kommt, dass 2002 die rot-grüne Bundesregierung in ihrer Nachhaltigkeitsstrategie das Ziel festgehalten hat, den Flächenverbrauch zunächst bis 2020 auf 30 Hektar pro Tag zu begrenzen und perspektivisch auf null Hektar zu reduzieren. Diese völlig unterschiedlichen, zum Teil gegenläufigen Anforderungen erfordern neue Strategien. Wir müssen unsere Städte wieder von „Innen“ denken, ansonsten drohen uns perforierte Stadtlandschaften.

Die städtebauliche Herausforderung der nächsten Jahre wird die Reaktivierung unserer Innenstädte und Ortsteilzentren werden. Neben dem Wirtschaftsstandort Innenstadt werden wir uns vor allem mit der hier sehr heterogenen Bausubstanz auseinandersetzen müssen. Der Ersatzneubau als Universallösung, die die schwarz-gelbe Bundesregierung forcieren möchte, ist für uns keine Lösung. Sie ist eher ein Rückgriff in die städtebauliche Mottenkiste der 1960er Jahre. Wir brauchen integrierte Stadtentwicklungskonzepte, die den demografischen Wandel stärker berücksichtigen, um unsere Städte und Gemeinden zukunftsfähig zu gestalten.

Energieeffizienz und Denkmalschutz[Bearbeiten]

Nur knapp drei Prozent des Gebäudebestandes in Deutschland stehen unter Denkmalschutz. Das hört sich nicht nach viel an. Man kommt leicht in Versuchung, ähnlich der Ausnahmen für Oldtimer in städtischen Umweltzonen auch Denkmälern weiterhin energetische Ausnahmen einzuräumen. Doch das können wir uns nicht leisten. Gebäude sind keine Autos, die in der Garage stehen und für den Sonntagsausflug herausgeholt werden. Wohnungen müssen einen Nutzwert haben, ansonsten laufen sie Gefahr, leer zu stehen und zu verfallen, worunter die Nachbarschaft und das ganze Stadtviertel leidet.

Aber der Erhalt unserer städtischen Baukultur geht weit über den Denkmalschutz hinaus. Besonders wichtig sind die Gebäude und Ensembles, die das Stadtbild prägen und erst in ihrer Gesamtheit das historische Stadtgefüge entstehen lassen. Laut Fachwelt reden wir hier über einen Anteil von 20 bis 30 Prozent, der nicht unter einem besonderen Schutz steht. Bauliche Auflagen für Hausbesitzer bestehen in diesen Fällen nicht, und entsprechend häufen sich die baukulturellen Sanierungssünden. Auf diese Bausubstanz müssen wir unser Augenmerk legen, die Hausbesitzer besser beraten und die finanzielle Förderung bei der energetischen Sanierung aufstocken. Denn diese Bausubstanz ist für den Charakter unserer regionalen Baukultur besonders wichtig.

Bereits heute verfügen wir über Techniken, Fachwerkhäuser, Klinkerbauten und Stuckfassaden qualifiziert energetisch zu sanieren, sogar mit Passivhaustechnik. Das erfordert jedoch technisches und bauphysikalisches Wissen, das leider bei vielen am Bau Beteiligten nur rudimentär vorhanden ist. Lebenslanges Lernen muss auch für Bauleute selbstverständlich werden.

Auch der vielbemühte Vorwurf der neuen Dämmaltlasten lässt sich entkräften. Wärmedämmverbundsysteme sind grundsätzlich recycelbar, wie meine Rechercheanfrage an den wissenschaftlichen Dienst der Bundestagsverwaltung ergab. Aufgrund niedriger Rohstoffpreise ist das Recycling im Moment für die Bauindustrie noch nicht attraktiv, und Abfälle aus Wärmedämmverbundsystemen werden derzeit noch der thermischen Verwertung zugeführt.

Nicht jede Lösung ist technisch und energetisch sinnvoll oder für den Bauherrn bezahlbar. Insofern brauchen wir für Denkmäler individuelle Planungen, die in einem realistischen Kosten-Nutzen-Verhältnis stehen und auch das Nutzerverhalten berücksichtigen. Dabei geht es nicht um Schnellschüsse. Die Vorschläge der Experten gehen vielmehr dahin, schon heute für alle baukulturell wichtigen Gebäude Sanierungskonzepte aufzustellen, wie langfristig die energetischen Vorgaben erreicht werden können.

Quartiersbezogener Ansatz stärkt den Denkmalschutz[Bearbeiten]

Die Sanierungsquoten der Altbestände sind nach wie vor viel zu gering. Schon heute redet die Bauindustrie von einem Investitionsbedarf für energetische Sanierungen von über 800 Mrd. €. Da solche Summen nicht zur Verfügung stehen, müssen wir unsere Strategie überdenken. Es reicht nicht aus, wenn wir beim Klimaschutz nur über Häuser und Autos reden. Wir sind mit vielen Fachleuten einer Meinung, dass der quartiersbezogene Ansatz bei der Energiesanierung wesentlich effektiver und wirtschaftlicher ist.

Warum braucht jedes Haus eine eigene Heizung? Nicht jedes Dach muss eine Solar- oder Photovoltaikanlage haben. Historische Ensembles könnten viel leichter erhalten werden, wenn wir uns von der Vorstellung: Mein Haus, mein Dach, meine Heizung lösen. Denn statt vieler kleiner Photovoltaikanlagen auf historischen Dachlandschaften ist eine große auf einer stadtteilnahen Schule viel effizienter.

Die energetische Quartierssanierung ist eine Chance für das einzelne Denkmal. Durch die Ausschöpfung vernetzter Energieeinsparpotentiale kann die historische Bausubstanz leichter erhalten werden. Erste Ergebnisse von Pilotprojekten zeigen höhere Energie- und CO2-Einspareffekte, und auch die Amortisationszeiträume sind drei- bis viermal kürzer.

Von diesem Netzwerk können denkmalwerte Gebäude sowie schützenswerte städtebauliche Ensembles profitieren. Es zählt die Gesamtenergiebilanz eines Viertels und nicht das einzelnen Gebäude. Vor diesem Hintergrund sind geeignete Instrumente zu entwickeln, die den energetischen Status eines Quartiers beschreiben, um dann gezielte integrierte Handlungskonzepte zu erarbeiten.

Grüne Ziele für unser baukulturelles Erbe[Bearbeiten]

Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels sind die vorhandenen integrierten Stadtentwicklungskonzepte und Instrumente weiter zu entwickeln mit dem Ziel, die gewachsenen wirtschaftlichen und sozialen Strukturen besonders in unseren historischen Innenstädten zu stärken. Innenentwicklung der Städte und Gemeinden muss Vorrang haben, um den stadtbildprägenden Bestand zu bewahren und zukunftsfähige Stadtstrukturen aufzubauen.

Ein neues Instrument kann der kommunale Denkmalschutzplan sein, der einerseits den Bestand dokumentiert und andererseits Hausbesitzern und Stadtplanern einen Orientierungsrahmen vorgibt, um gezielt zu fördern. Neben der Verstetigung der finanziellen Mittel für die Städtebauförderungen im Programm „städtebaulicher Denkmalschutz“ brauchen wir für eine wirksame Umsetzung von Klimaschutzzielen den quartiersbezogenen Ansatz. Dies darf bei der anstehenden Weiterentwicklung der EnEV und der Neuausrichtung der Energiepässe nicht außer Acht gelassen werden.

Menschen sollen sich qualitatives Wohnen auch in Zukunft leisten können. Wir dürfen aus unseren historischen Dörfern und Städten keine Freilichtmuseen machen. Städte brauchen Leben, und „Potemkinsche Dörfer“ helfen auch dem Denkmalschutz nicht. Der Spagat zwischen dem Erhalt unserer kultureller Wurzeln und einer sinnvollen Nutzung gestaltet sich immer schwierig. Aber es lohnt sich!

Gemeinschaftliches, nachbarschaftliches, soziales Leben kann nur mit Bewohnerinnen und Bewohnern entstehen, die sich mit ihrem Viertel, mit ihrem Dorf, mit ihrer Stadt identifizieren und ihre Heimat wertschätzen. Und dabei spielt Denkmalschutz und das regionale baukulturelle Erbe eine wichtige Rolle.

--AKP-Redaktion 13:22, 11. Jan. 2013 (CET)

Quellen[Bearbeiten]

(aus AKP 2/2011, S. 55f.)

Siehe auch[Bearbeiten]