Energiearmut

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Ein Problem in Deutschland...[Bearbeiten]

...bei dessen Lösung es nur Gewinner gibt. Millionen Bundesbürger wagen an kalten Wintertagen kaum, ihre Wohnung auf 20 Grad Raumtemperatur aufzuheizen. Hunderttausende Strom- und Gassperren sind Zeugnis einer prekären Armutssituation im wohlhabenden Deutschland. Sie hat sich durch die gestiegenen Energiekosten dramatisch verschärft. Auch den Städten und Gemeinden entstehen Millionen zusätzliche Kosten. Energiesparberatungen, digitale Stromzähler und Mikrokredite können helfen.

Viele Menschen wirken überrascht, wenn der Begriff "Energiearmut" fällt. Armut gibt es bekanntermaßen auch im wohlhabenden Deutschland. Doch muss im Sozialstaat niemand hungern oder frieren. Ein "Existenzminimum" – in Form von Arbeitslosengeld oder Sozialhilfe – wird jedem Bürger garantiert. Soweit die Theorie. Denn in der Praxis sind es nicht nur Menschen ohne Obdach, die winters frieren. Heizkosten werden für Empfänger von Transferleistungen nur erstattet, wenn sie angemessen sind. Die tatsächlichen Kosten können weit darüber liegen. Von Energiearmut betroffen sind auch Menschen mit Einkommensverhältnissen knapp über der Armutsgrenze. Letztere sind von hohen Energiepreisen ggf. stärker berührt, denn sie erhalten keine Sozialleistungen beispielsweise für Klassenfahrten der Kinder, Schulbücher oder Darlehen für die Ausstattung der Wohnung.

Ein Indikator für die Entwicklung von Energiearmut ist die Zahl der Strom- und Gassperren. Das geschieht jährlich in rund zwei Millionen Fällen – ca. 840 000 Haushalte sind betroffen.[1] Besonders gefährdet sind die überschuldeten Haushalte; derzeit sind es 1,6 Millionen.[2]

Insofern verwundert es nicht, dass um die 40 Prozent aller Deutschen laut einer emnid-Umfrage zu drastischen Maßnahmen greifen, um ihre Energiekosten zu senken. Hochgerechnet zogen über sechs Millionen Deutsche an kalten Tagen Stiefel oder Moonboots an, um sich warm zu halten und die Heizkosten gering zu halten. Ca. 16 Millionen Bürgerinnen und Bürger wärmten sich in der Wohnung mit Decken. Ein Viertel derjenigen, die sich in Wolldecken hüllten, um nicht zu frieren, ist zwischen 14 und 29 Jahre alt. Ähnlich hoch ist die Zahl derer, die dicke Strickjacken und lange Unterhosen auch zu Hause tragen. Und so mancher gibt an, öfters Elektrogeräte laufen zu lassen, um sich zusätzlich zu wärmen.[3]

Ungefähr zwanzig Prozent der Bevölkerung sind nach exemplarischen Berechnungen der Verbraucherzentrale NRW gezwungen, mehr als 13 Prozent ihres verfügbaren Einkommens für Energiekosten aufzuwenden.[4] Von Seiten der Bundesregierung wird hingegen verlautbart, der Anteil der Haushaltsausgaben für Energie in den ärmsten Haushalten beträgt 8,4 Prozentdes zur Verfügung stehenden Haushaltseinkommens, während er in den reichsten Haushalten nur 2,8 Prozent ausmacht.[5]

Sicher ist nur, dass es keine belastbaren Daten zum Ausmaß der Energiearmut in Deutschland gibt. Eine solche Erhebung wäre sehr sinnvoll, aber ohnehin erst möglich, wenn sich die relevanten Akteure auf eine Definition des Phänomens einigten oder die Bundesregierung eine solche vorgibt. Demgegenüber hat Großbritannien sich bereits vor vielen Jahren zu einer Definition von »Energiearmut« durchgerungen. Dort gilt ein Haushalt als »energiearm«, wenn er mehr als zehn Prozent seines Einkommens für den Kauf von Energie aufwenden muss, um im Hauptwohnraum 21 Grad Celsius und in den übrigen Räumen 18 Grad Celsius zu gewährleisten[6]. Die Regierung Großbritanniens hat sich das Ziel gesetzt, bis 2018 die Energiearmut in den Haushalten auf null Prozent zu senken, und veröffentlicht jährlich einen „Fuel-Poverty“-Jahresbericht.

Finanzielle Belastung der Öffentlichen Haushalte[Bearbeiten]

Steigende Heizkosten bringen eine spürbare Belastung der kommunalen [Haushalt|Finanzhaushalte] mit sich. Die Preise für Heizöl, Erdgas und Fernwärme haben noch weit kräftiger angezogen als die Strompreise – zwischen 2002 und 2008 stiegen die Haushaltsausgaben für Wohnenergie von 104 auf 162 Euro. Die Heizkosten für Empfänger von ALG II, Sozialgeld und -hilfe beliefen sich 2006 bundesweit auf rund 2,7 Milliarden Euro. Davon trägt der Bund ca. ein Drittel.[7]

Würden durch ein abgestimmtes Vorgehen nur fünf Prozent der Heizkosten im Bereich ALG II und Sozialgeld eingespart, könnten die kommunalen Haushalte um 95 Mio. Euro entlastet werden.[8] Würden zum Beispiel in den 24 000 Bedarfshaushalten Wuppertals jeweils zehn Euro im Monat weniger Energiekosten fällig, könnten allein in Wuppertal knapp drei Millionen Euro jährlich eingespart werden. Umgekehrt müsste etwa Nürnberg in den nächsten fünf Jahren – ohne die Nutzung vorhandener Einsparpotenziale und bei weiterem Anstieg der Heizkosten um acht Prozent jährlich – mit ca. 14 Mio. Euro Mehrkosten rechnen.[9]

Dem Bund enstanden durch den Heizkostenzuschuss kurzzeitig rund 100 Millionen Euro zusätzliche Aufwendungen. Doch schon Ende 2010 wurde wegen der fallenden Preise im Rahmen des Sparparkets die Streichung der Zuwendung beschlossen. Kurze Zeit später war die Begründung für die Sparmaßnahme schon wieder hinfällig, weil die Energiekosten erneut extrem anzogen.

Lösungsansätze[Bearbeiten]

Wohlfahrtsorganisationen, Sozialbehörden und Energieversorger sind schon vor einigen Jahren auf die zunehmenden Zahlungsschwierigkeiten von Menschen mit geringem oder ohne eigenes Einkommen aufmerksam geworden. Seither haben viele Städte und Gemeinden reagiert und für die betroffenen Haushalte Energiesparberatungen auf den Weg gebracht.

Exemplarisch sei zunächst ein besonders ambitioniertes Projekt aus Nürnberg erwähnt. Es firmiert unter dem treffenden Namen „Energieschuldenprävention“[10] und richtet sich an Menschen in prekären Lebenslagen. Im Zuge der Beratungen werden die Steuerung der Heizung erläutert, Fenster und Wohnungstüren abgedichtet, Gasthermenwartungen veranlasst, Heizkörper freigeräumt und entlüftet sowie Tipps zum richtigen Heizen und Lüften vermittelt. Um die Stromkosten zu senken, werden Kühlschränke enteist und kostengünstiger eingestellt, Sparlampen montiert, Tipps für die effizientere Nutzung von Herd und Waschmaschine vermittelt, Steckdosenleisten gegen Standby-Verluste angebracht und vieles mehr. Inzwischen wurden über 2000 Beratungen durchgeführt. Die beratenen Haushalte sparen jedes Jahr im Schnitt 123 Euro Strom- und 130 Euro Heizkosten. Ähnlich gelagert und vorzeigbar ist der „Clevere Kiez“[11] aus Berlin. Hier werden ebenfalls Tipps zum richtigen Lüften und Heizen vermittelt. Die Berater installieren Energiesparhilfen im Wert von bis zu 70 Euro.

Durch sein bundesweites Vorgehen überzeugt der „Stromspar-Check für einkommensschwache Haushalte“. Die Caritas nutzt die dezentrale Organisationsstruktur der Caritasverbände in Deutschland für die Ansprache von Haushalten. Zudem gibt es meist eine gut funktionierende Vernetzung mit den lokalen Organisationsstrukturen wie z.B. Schuldnerberatungen oder Sozialkaufhäusern.

In der ersten Projektphase wurde an insgesamt 60 Standorten in Deutschland durch lokale Caritasverbände und andere Träger das Beratungsangebot Stromspar-Check[12] aufgebaut. Die Standorte wurden von den Regionalberaterinnen der Caritas bei der Einführung und Umsetzung des Stromspar-Checks unterstützt. Zudem werden die Standorte regelmäßig miteinem Newsletter über Neuigkeiten zum Projekt informiert. Besonders zu hervorzuheben ist das Anliegen, die Beratung zugleich mit einer Beschäftigungsförderung der Arbeitsagentur zu verbinden. Langzeitarbeitslose werden durch die Ausbildung zum Energieberater an den ersten Arbeitsmarkt herangeführt. Im Gegensatz zum Vorgehen in Nürnberg befasst sich Caritas ausschließlich mit ALG-II-Haushalten und deren Stromkosten.

Doch gerade bei den Heizkosten liegt häufig das größte Problem. Durch die Angemessenheitsklausel im SGB werden vielen Haushalten eben nicht – wie in der Öffentlichkeit vermutet wird – ihre kompletten Heizkosten erstattet. Meist gibt es einen Pauschalbetrag je Quadratmeter. Je nach Wohnungssituation, etwa Dämmung und Zahl der Außenwände, müssen mehrere Hundert Euro selbst aufgebracht werden. Daher ist zu empfehlen, die Heizkosten in die Beratung einzubeziehen, wie es in Nürnberg der Fall ist.

Über Energieberatungen in den Haushalten hinaus erscheint es zudem ratsam, bei Zahlungsschwierigkeiten sogenannte Prepaidzähler mit Münzeinwurf bzw. Chipkarte zu installieren, um wachsende Schuldenberge zu vermeiden. Sie sind in bedürftigen Haushalten allerdings kostenneutral bereit zu stellen. Das gilt auch für die mögliche Installation von digitalen Stromzählern. Verbunden mit monatlichen und quartalsweisen Stromrechnungen sowie speziellen Visualisierungskonzepten können arme und verschuldete Haushalte mit der neuen Technik ihre Stromkosten wesentlich besser kontrollieren. Notwendig ist dafür das Entgegenkommen insbesondere der kommunalen Energieversorger. Sie haben auch die Möglichkeit, ihren Kunden Energiesparberatungen anzubieten und hier besonders auf Haushalte in finanziell schwierigen Lebenslagen zu achten. Diese zu ermitteln dürfte nicht schwer fallen. Schließlich wird über Zahlungsrückstände genau Buch geführt und gibt es Register für »Schlechtzahler«.

Es sind wiederum verantwortungsbewusste Energieversorger, die ihren Kunden die Finanzierung von effizienteren Kühl- oder Gefrierschränken ermöglichen könnten. Ist die erwartete Stromeinsparung größer als 200 kWh/Jahr, könnte die Anschaffung eines Neugerätes zumindest teilweise mit einem Kleinkredit finanziert werden, dessen Tilgung über die eingesparten Stromkosten gewährleistet wird. Diese Rückzahlung könnte über mehrere Jahre in Verbindung mit der Verbrauchsabrechnung erfolgen.

Nur Gewinner[Bearbeiten]

Am einfachsten ließe sich das Problem »Energiearmut« lindern, würde den betroffenen Haushalten mehr Geld zur Verfügung gestellt. Doch sowohl der Klimaschutz als auch die schlechte Lage der Finanzhaushalte gebieten die Realisierung eines nachhaltigen Konzeptes. Durch effizientere Technologien und angepasstes Verhalten können der Kostenanstieg kompensiert und CO2-Emissionen verringert werden. Diese Erkenntnis hat sich bei vielen kommunalpolitischen Akteuren durchgesetzt. Davon profitieren alle Akteure. Die Heizenergieausgaben der Kommunen und des Bundes verringern sich oder werden je nach Preisentwicklung stabilisiert. Besonders für die Kommunen ist diese Kostenersparnis sinnvoll, da sie zwei Drittel der Kosten tragen. Die Energieversorger können ihr Ansehen verbessern, haben weniger Stromsperren und zufriedenere Kunden. Die betroffenen Haushalte selbst lernen mit Energie effizient umzugehen und können Energieschulden eher vermeiden. Für die Sozialbehörden veringert sich der Betreuungsaufwand, und die Kunden sind tendenziell zufriedener mit der Betreuung. Und schließlich ist die Linderung von Energiearmut durch Effizienzmaßnahmen ein Beitrag zum Klimaschutz und damit im Interesse der nächsten Generationen. Da alle Beteiligten profitieren, fällt es den Initiatoren von Projekten zur „Energieschuldenprävention“ vergleichsweise leicht, für ihr Vorhaben Unterstützer zu finden.

Einsparpotenziale sind in den Haushalten fast immer zu finden und lassen sich mit wenigen Mitteln im eigenen Wirkungsbereich umsetzen. Dabei sind die energetische Situation, die Problemstellungen, Potenziale und Schwerpunkte sehr unterschiedlich; aufgrund der heterogenen Situation gestalten sich auch die Energieberatungen sehr individuell. Somit ist es empfehlenswert, in Energieberatungen nicht nur technische, sondern auch soziale Aspekte einzubeziehen.

--AKP-Redaktion 15:11, 11. Jan. 2013 (CET)

Fußnoten[Bearbeiten]

  1. Energiewirtschaftliche Tagesfragen, 56. Jg. 2006, Heft 8, Seite 14-16
  2. Deutscher Bundestag (2008): Lebenslagen in Deutschland. Der 3. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung, Berlin. Neuere Zahlen aus dem Monitoringbericht 2017 der Bundesnetzagentur und des Bundeskartellamts (pdf-Format, 492 Seiten; für die Aussage hier vgl. S. 9, S. 29) besagen, dass es beim Strom 2016 ca. 6.6. Mio. Sperrandrohungen und ca. 330.000 Sperren gab, letzteres bedeutet einen Rückgang um 10% gegenüber 2015. Beim Gas gab es 2016 ca. 40.000 Sperren, auch dies bedeutet einen Rückgang.
  3. Das Meinungsforschungsinstitut emnid hat 1000 Bürger befragt, vgl.: www.energieverbraucher.de (24.3.11)
  4. Verbraucherzentrale NRW (2008): Vorschlag der Verbraucherzentrale NRW zur Einführung eines Strom-Spartarifes (»Sozialtarif«) für private Haushalte. Düsseldorf
  5. Gabriel, Sigmar (2008): Die Dritte Industrielle Revolution. Rede am 22.10.2008, Umspannwerk Kreuzberg, Berlin.
  6. vgl. Michael Kopatz, Markus Spitzer, Anja Christanell: Energiearmut, Wuppertal Papers 184
  7. § 46 SGB 2 Finanzierung aus Bundesmitteln
  8. ifeu/ISOE a.a.O.
  9. Im Jahr 2006 wurden Heizkosten in Höhe von 30 Mio. erstattet. Berechnungsansatz: 33 000 Haushalte x 912,00 Euro Heizkosten pro Jahr.
  10. Stadt Nürnberg: EnergieSparProjekt – EnergieSchuldenPrävention
  11. www.clevererkiez.de
  12. www.stromspar-check.de

Zum Weiterlesen[Bearbeiten]

Quellen[Bearbeiten]

  • Autor: Michael Kopatz