Erster Münchner Bildungsbericht

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Bildung zu einer Angelegenheit vor Ort machen[Bearbeiten]

Nur wenige Kommunen haben bisher einen eigenen Bildungsbericht vorgelegt. München ist somit Vorreiterin im Verständnis einer umfassenden kommunalen Bildungsverantwortung. Der Münchner Bildungsbericht entstand unter Begleitung durch das Deutsches Institut Für Urbanistik (difu) und nimmt besonders die Situation in benachteiligten Stadtteilen in den Blick.

Einleitung[Bearbeiten]

Der Bildungsbericht der Kultusministerkonferenz (KMK) im Jahr 2003 hat die Stadt München dazu bewogen, einen eigenen Bildungsbericht zu verfassen. Im Zielbeschluss in der gemeinsamen Sitzung des Schul- und Sportausschusses am 13.07.2005 wurde das Schul- und Kultusreferat beauftragt, 2006 den ersten Münchner Bildungsbericht vorzulegen. Dabei wurde das Ziel wie folgt formuliert: „Wirkungsorientierte kommunale Bildungssteuerung setzt die Kenntnis des Bildungsraumes Stadt voraus sowie die Analyse verschiedenster Wirkungszusammenhänge. Um eine wirkungsorientierte Bildungssteuerung zu ermöglichen, aber auch, um die Bildungsregion München transparent mit ihren Angeboten darzustellen, liegt 2006 der Bildungsbericht München (analog Bildungsbericht Deutschland) vor.“ Hintergrund war die Erkenntnis, dass eine rationale Steuerung des Bildungssystems ohne eine systematische Analyse nicht möglich ist.

Bundes- und Landesbildungsberichte[Bearbeiten]

2006 ist auf Bundesebene ein umfassender Bildungsbericht erschienen, der vom Konsortium Bildungsberichterstattung der KMK herausgegeben wurde. Die Struktur dieses Berichts wurde gegenüber dem ersten Bundesbericht aus dem Jahr 2003 an einigen Stellen verändert. Aus unserer Sicht sehr zu begrüßen ist die nunmehr führende Ausrichtung am Lebenslauf der Kinder und Jugendlichen, die auch der vom Stadtrat beschlossenen Aktualisierung des Produktplans Bildung zugrunde liegt. Der erste Münchner Bildungsbericht orientiert sich in Darstellung und Struktur an diesem grundlegenden Werk. Soweit einzelne Indikatoren auf kommunaler Ebene nicht relevant oder noch nicht verfügbar sind, erfolgt ein Verweis auf den Bundesbildungsbericht.

Auch auf bayerischer Ebene wurde mittlerweile ein Bildungsbericht vorgelegt. Der unter der Verantwortung von Dr. Schießl vom Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung (ISB) ausgearbeitete Bericht wurde im Juli in den Bayerischen Landtag eingebracht. Er liegt mittlerweile auch in gedruckter Form vor. Seine Ergebnisse konnten ebenfalls, soweit relevant, in den Münchner Bildungsbericht einbezogen werden.[1]

Erster Münchner Bildungsbericht[Bearbeiten]

Der Münchner Bildungsbericht beleuchtet das kommunale Handlungsfeld Bildung vom Elementar- bis zum tertiären Bereich und ergänzt auf ideale Weise die beiden Berichte auf Bundes – bzw. Landesebene. Während der Bundesbildungsbericht die einzelnen Bundesländer vergleicht, beschränkt sich der bayerische Bildungsbericht auf innerbayerische Vergleiche auf Kreisebene. Kleinräumliche Unterschiede innerhalb einer Großstadt wie München können hingegen nur von einem lokalen Bildungsmonitoring sinnvoll beleuchtet und dann gegebenenfalls in Steuerungsmaßnahmen umgesetzt werden.

Von den 134 Indikatoren des deutschen Bildungsberichts können derzeit 25 Indikatoren auf der Ebene München dargestellt werden, da die entsprechenden Daten vorliegen. Der Indikator „Übergänge nach der 4. Jahrgangsstufe der Grundschule“ kann kleinräumlich (Einrichtungsebene) beleuchtet werden. Als Darstellungsform wurden hier die Grundschulsprengel (Amtsbezirke) gewählt. In einer engen Zusammenarbeit mit dem Statistischen Amt ist es bei diesem wichtigen Indikator gelungen, Bildungsergebnisse lokal darzustellen und mit Sozialdaten in Beziehung zu setzen. Die weiteren Indikatoren werden – soweit auf lokaler Ebene relevant – sukzessive erarbeitet. Aufgrund der Umstellung vom Bayerischen Kindergartengesetz auf das Kinderbildungs- und –betreuungsgesetz erfolgen in den Kinderkrippen, Kindergärten und Horten derzeit große Veränderungen. Deshalb ist eine detaillierte Ausführung in diesem Bereich zum jetzigen Zeitpunkt weder auf Landes- noch auf der kommunaler Ebene zielführend, da entsprechendes Datenmaterial erst ab kommenden Kindergarten-/Schuljahr vorliegen wird.

Zusammenhang Statistik, Monitoring und Steuerung[Bearbeiten]

Der systematische Zusammenhang zwischen Bildungsstatistik, Bildungsmonitoring und Bildungssteuerung geht aus der nachfolgenden Grafik hervor:

Grafik: Bildungssteuerung

Die Stärke der Kommune bei der Bildungssteuerung liegt gerade darin, dass sie die einzelnen Akteure auf dem Gebiet der Bildung zu abgestimmtem Verhalten veranlassen kann. Gerade die kommunale Verantwortung für Bildung wird von Fachleuten, z. B. von der Bertelsmann-Stiftung, zunehmend als wesentlicher Erfolgsfaktor betrachtet. Diese Stärkung der kommunalen Rolle ist in den PISA-Siegerländern Schweden und Finnland bekanntlich bereits vor Jahren erfolgt. Die Struktur des Schul- und Kultusreferates (Verbund von Kindertageseinrichtungen und Schulen) bietet eine hervorragende Ausgangsbasis für eine wirkungsorientierte Bildungssteuerung.

Enger Austausch mit anderen Bildungsakteuren[Bearbeiten]

Im Sinne einer engen kommunal-staatlichen Verantwortungsgemeinschaft war uns bei der Erstellung des Bildungsberichts eine frühzeitige Abstimmung mit der staatlichen Ebene sehr wichtig. Dabei fand ein enger Austausch mit dem Staatlichen Schulamt und maßgeblichen Stellen des Kultusministeriums statt. Zuletzt gab es noch ein Gespräch mit Herrn Dr. Schießl vom ISB, in dessen Verantwortung der erste bayerische Bildungsbericht entstanden ist. Ein Thema, das einen sensiblen Umgang erfordert, ist in diesem Zusammenhang die Verwendung von Daten einzelner Schulen, wie dies beim Indikator „Übergänge“ der Fall ist. Im Rahmen der vertrauensvollen Zusammenarbeit bei der Erstellung des Neuen Schulverwaltungsprogramms (BaySVP) konnte auch Konsens erzielt werden, dass die Kommunen für ihre Steuerungserfordernisse regelmäßig auch die Daten der Einzelschulen benötigen. Die Daten werden über die Statistischen Ämter zur Verfügung gestellt. Das Kultusministerium knüpft dieses Überlassen von Daten an die Bedingung, dass keine Tabellen erstellt werden, die etwa ein Ranking einzelner Schulen ermöglichen. In einem Abstimmungsgespräch konnte das Schul- und Kultusreferat stellvertretend für andere große bayerische Städte deutlich machen, dass ein Vorgehen etwa nach dem angelsächsischen Modell des „name, blame and shame“ nicht beabsichtigt ist. Es geht vielmehr darum, durch die größere Transparenz über lokale Bildungsergebnisse die beteiligten Akteure zu abgestimmtem Handeln zu bewegen, um gemeinsam die Bildungsqualität voran zu bringen.

Vor diesem Hintergrund bitten wir auch den Schulausschuss, mit den vom Statistischen Amt sinnvoll kategorisierten Daten der Einzelschulen sensibel umzugehen. Ein noch offener Punkt sind die Daten der Privatschulen. Diese Einzeldaten können vorerst auf kommunaler Ebene nicht dargestellt werden.

Der Bildungsbericht liefert auch wesentliche Grundlagen für die im Rahmen der Perspektive München zu erstellende Leitlinie Bildung. Nicht zuletzt deshalb ist eine enge Abstimmung mit anderen betroffenen Referaten wie dem Planungsreferat, dem Sozialreferat und dem Referat für Arbeit und Wirtschaft sehr wichtig. Entsprechende Schritte sind bereits erfolgt, z. B. ein enger Austausch mit dem im Jugendamt aufgebauten Kinder- und Jugendhilfemonitoring.

Auch der Austausch mit anderen Kommunen spielt eine nicht zu unterschätzende Rolle. Im Rahmen der bereits bestehenden Zusammenarbeit der Schul – bzw. Bildungsreferate von München, Nürnberg und Augsburg steht das Thema „kommunales Bildungsmonitoring“ ganz oben auf der Tagesordnung. Zu diesem Thema fand Ende September 2007 ein Fachaustausch statt, an dem neben den erwähnten Städten auch Vertreter aus der Stadt Köln, aus Zürich sowie von der Bertelsmann-Stiftung teilnahmen. In Nürnberg ist zum Thema „kommunale Bildungssteuerung“ Anfang Dezember 2007 eine Fachtagung geplant.

Schlussfolgerungen aus dem Münchner Bildungsbericht[Bearbeiten]

Ohne der notwendigen tiefer gehenden Analyse vorzugreifen, kann an dieser Stelle bereits folgende Erkenntnis festgehalten werden: Beim Indikator „Übergänge“, der aufgrund der kleinräumlichen Betrachtung die größte Betroffenheit auslöst, besteht auch in München der in den PISA-Studien und im Bayerischen Bildungsbericht dargestellte enge Zusammenhang von sozialer Herkunft und Bildungserfolg. Wenn man den Übertritt aus der 4. Jahrgangsstufe in eine der weiterführenden Schularten des Sekundarbereiches I auf Sprengelebene näher betrachtet und mit Sozialdaten spiegelt, dann zeigt sich eine starke Korrelation zwischen sozioökonomischem Hintergrund der Eltern (dargestellt an der Kaufkraft), Migrationsstatus (dargestellt am Ausländeranteil der Kinder) und dem Bildungshintergrund der Eltern (dargestellt am höchsten in einem Haushalt erworbenen Schulabschluss). „Eine der größten Herausforderungen des Bildungssystems besteht darin, Schülerinnen und Schülern unabhängig von ihrer sozialen Herkunft Gelegenheit und Unterstützung zu geben, ihr kognitives Potenzial auszuschöpfen. Die Befunde in PISA 2003 zeigen, dass die Chancen von Schülerinnen und Schülern aus den unteren Sozialschichten, ein Gymnasium zu besuchen deutlich geringer sind als die von Jugendlichen aus den oberen Sozialschichten.“ (Prof. Manfred Prenzel, PISA-Konsortium Deutschland).

Der Landeshauptstadt München war diese Problematik immer schon bewusst. Auf allen bildungsrelevanten Gebieten wurden deshalb schon seit vielen Jahren Maßnahmen ergriffen, um die Forderung nach Bildung für alle – unabhängig von der sozialen Herkunft – erfüllen zu können. Gerade in den letzten Jahren wurden diese Anstrengungen mit den zahlreichen "Münchner Wegen" verstärkt. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit sind folgende Maßnahmen zu nennen:

  • Intensive Sprachförderung im Elementarbereich
  • MÜKOS-Projekte (Projekte des Münchner Konzepts für Schulprogrammentwicklung), Tagesheime – Modellversuch Innovative Projektschule (IPS), flächendeckende Mittagsbetreuung und standortgerechtes Hortangebot im Primarbereich
  • Umfangreiches kommunales Schulangebot im Sekundarbereich insbesondere an Standorten mit sozialen Belastungsfaktoren (z. B. Gesamtschule München Nord, Orientierungsstufe Neuperlach)
  • Münchner Wege zur Umsetzung der sechsjährigen Realschule (R6) und des achtjährigen Gymnasiums (G8) (Ausbau zu Ganztagsschulen, stadtweite individuelle Förderung)
  • Intensive Zusammenarbeit aller Akteure beim Übergang Schule – Beruf (z. B. ÜSA (Übergang Schule-Arbeitswelt), JADE (Zusammenarbeit Hauptschule-Berufsschule), Berufsschulsozialarbeit, Produktionsberufsschule).

Folgen sind u. a., dass die Abiturientenquote in München deutlich höher als im bayerischen Durchschnitt und der Anteil ausländischer Schüler an den kommunalen weiterführenden Schulen höher als an den staatlichen ist.

All diese Maßnahmen gilt es vor dem Hintergrund der noch systematischeren Erkenntnisse des Bildungsberichts fortzuführen und im Sinne kommunaler Bildungssteuerung zielgerichtet weiterzuentwickeln. Dabei sind auch neue Wege zu beschreiten, z. B. ist der Übergang in den tertiären Bereich stärker in den Blick zu nehmen.

Weiteres Vorgehen[Bearbeiten]

Der Münchner Bildungsbericht soll, wie bereits dargestellt, im Sinne einer Vorsorgeuntersuchung die notwendige systematische Grundlage für wirkungsorientierte Bildungssteuerung liefern. Er ist aber, wie der bayerische und der deutsche Bildungsbericht, rein deskriptiv (Ist-Analyse), d. h., er enthält keine Bewertungen und keine Maßnahmen. Es muss nämlich unterschieden werden zwischen dem Monitoring (Beleuchtung), der Bewertung und den sich daraus ergebenden Schlussfolgerungen und der darauf aufbauenden Steuerung, sei sie strategisch (Zielebeschluss) oder mehr handlungsorientiert auf der Produktebene. Die Ergebnisse sollen die Steuerung auf allen Ebenen, bei allen Bildungsakteuren, insbesondere auch bei den Einrichtungen unterstützen. Als nächster Schritt auf Referatsebene wird im Rahmen des jährlichen Prozesses des Strategischen Managements eine produktscharfe Analyse mit entsprechender Zielformulierung vorgenommen. Die Ergebnisse werden dem Stadtrat im Rahmen des nächsten Zielebeschlusses zur Entscheidung vorgelegt und finden folglich Berücksichtigung im Haushaltsbeschluss. Vision, aber auch konkrete Zielsetzung ist es, auf der Basis der Bildungsberichterstattung eine zielgerichtete (Um-)Verteilung der eingesetzten sachlichen und personellen Ressourcen im Sinne einer wirkungsorientierten Bildungssteuerung zu erreichen.

Ein konkreter Anwendungsfall ist der bereits ausgearbeitete Vorschlag zur Einführung eines nach Belastungsfaktoren ausgerichteten Münchner Anstellungsschlüssels für die Kindertageseinrichtungen, der dem Stadtrat bereits jetzt zur Entscheidung vorgelegt wird. Bei der Festlegung dieser Faktoren spielen die Ergebnisse des Bildungsberichts auf kleinräumlicher Ebene eine wichtige Rolle. Damit wird im Elementarbereich bereits die Vision einer belastungsorientierten Ressourcensteuerung auf der Basis der Ergebnisse des Bildungsberichts verwirklicht.


Fußnoten[Bearbeiten]

  1. Über die Internetseite des Staatsinstituts für Schulqualität und Bildungsforschung ist der Bezug hier (gedruckt oder als pdf zum download) möglich.

Weiterführende Informationen[Bearbeiten]

LHM Schul- und Kultusreferat Nachdruck auch auszugsweise nur mit Genehmigung

Siehe auch[Bearbeiten]