Kleingartenwesen

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Keine Gartenzwerge mehr vor der Hütte[Bearbeiten]

... oder doch? Natürlich gibt es sie auch noch, die akkurat mit der Nagelschere bearbeiteten Kleingartenparzellen, wo mit der Chemiekeule nachgeholfen wird, damit ja kein "Unkraut" wuchert, und wo streng blickende Gartenzwerge beobachten, ob auch alles seine Richtigkeit hat - laut Bundeskleingartengesetz. Aber hier dürfte in den letzten Jahren doch ein kräftiger Wandel eingesetzt haben, nicht nur zu mehr mentaler Unverkrampftheit bei der Gartenarbeit, sondern auch zu einem lockeren Multikulti und mehr sozialer Heterogenität.

„Gärten sind cool,“ schreibt daher Hartmut Netz in einem Beitrag über Energiespartipps für Kleingärtner in „Umweltbriefe“[1]. Dazu später mehr. Bilanzieren wir vielleicht eingangs, welchen positiven Beitrag Kleingartenvereine wirklich für die Stadtökologie leisten, oder ob die „Krauter“ auf ihren Parzellen nur einem blinden Hang zur gärtnerischen Bewirtschaftung der „eigenen Scholle“ folgen.

Das lässt sich gar nicht so leicht beantworten, denn die 15.000 Anlagen in Deutschland mit ihren mehr als 2 Mio. Vereinsmitgliedern sind nicht über einen Kamm zu scheren. Darauf macht insbesondere Werner Heinz, ehemaliger Koordinator der Kölner Abteilung des Deutschen Instituts für Urbanistik, in einem Artikel in „Der Städtetag“ zum demografischen Wandel im Kleingartenwesen aufmerksam[2]. So bedeuten zum Beispiel rückläufige Einwohnerzahlen keineswegs überall steigende Leerstände in der Kleingartenanlage.

Das kommt immer sehr auf die Gemeinde und die Einbindung des Kleingartenwesens in das kommunale Umfeld an. Während es beispielsweise in den von Bevölkerungsverlusten betroffen Städten Magdeburg und Ludwigslust gegenwärtig zu hohen Leerstandsraten kommt, ist dies in Castrop-Rauxel, Neunkirchen und Rostock offenbar nicht der Fall – obwohl auch diese Gemeinden von rückläufigen Einwohnerzahlen betroffen sind. Neunkirchen gar meldet einen Bedarf von 150 zusätzlichen Parzellen an.

Man kann nur vermuten, woran das liegt. Ohne dies empirisch hinreichend absichern zu können, scheint sich im Trend doch wohl abzuzeichnen, dass Kleingartenanlagen mit Anschluss an frühere Arbeiterquartiere oder Stadtteile mit hoher Arbeitslosigkeit und Anlagen außerhalb der Ballungszentren an Zuspruch verlieren und Leerstände zu verzeichnen haben. Während dort, wo es stabile Mittelschichten und viele junge Familien gibt, oft im sog. Speckgürtel von Großstädten, das Kleingartenwesen sich wachsender Beliebtheit erfreut.

Überalterung?[Bearbeiten]

Damit kommen wir zu einem weiteren Aspekt des Wandels – dem Alterungsprozess. Auch hier zeichnet sich keine klar erkennbare bundesweit geltende Tendenz ab, sondern es kommt sehr auf die einzelne Anlage und auch die Verpachtungspolitik der Vereinsvorstände an. Natürlich gibt es nach wie vor Anlagen, in denen das Durchschnittsalter bei 60 Jahren und höher liegt. Dass hier oft noch eine andere mentale Einstellung zum Gärtnern als solchem – vielleicht weniger ökologisch – vorherrscht, liegt auf der Hand.

Dass von den Älteren dagegen die Pflege der Gartenparzellen durch jüngere Pächter mit Kindern oft kritisch beäugt und als sehr unorthodox empfunden wird, das sind wohl typische Generationskonflikte, wie sie im Wandel des Übergangs von der älteren zur jüngeren stets zum Tragen kommen. Fakt ist jedenfalls, dass bundesweit ein Trend zu jüngeren Familien mit Kindern im Kleingartenwesen zu verzeichnen ist. Einher geht das neben dem Freizeitwert auch mit Ansprüchen, wenigstens Teile des Obst- und Gemüsebedarfs im eigenen Garten zu züchten, um garantiert nicht mit Pestiziden und anderen chemischen Helfern der industrielle betriebenen Landwirtschaft in Berührung zu kommen.

Migration – Integration[Bearbeiten]

Ein weiterer Aspekt des Wandels ist die Zunahme von Bürgern mit Migrationshintergrund in den Kleingartenvereinen. Heinz spricht von 30% bei vielen westdeutschen Gartenanlagen, vorwiegend mit Herkunft aus den Teilstaaten der früheren Sowjetunion. Das Zusammenleben gestaltet sich bislang erstaunlich konfliktfrei, wofür aber auch wiederum die Vereinspolitik eine große Rolle spielt. Wenn Vereinsvorstände bei der Verpachtung darauf achten, dass sich in den Anlagen eine gelungene migrations- und sozialstrukturelle Mischung befindet, dient dies dem „Klima“ des Zusammenlebens.

Apropos Klima: Kleingärtner können eine Menge für klimafreundliche Gärten tun. Etwa die Bodenfruchtbarkeit durch eigenen Kompost erhöhen, bestenfalls unter Verwendung von Naturdünger statt Kunstdünger. Vor allem auf Torf verzichten, der soll in den Hochmooren verbleiben. Durch Regenwassersammlung kann häufiges Gießen mit Trinkwasser vermieden werden. Was jedoch besonders zu Buche schlägt, ist die Ausstattung der Gärten mit technischen Produkten. Manche Kleingärtner tendieren immer noch dazu, ihre Parzellen zu reinsten Technoparks auszubauen. Da sprudeln motorbetriebene Wasserspiele, abends leuchten Laternen und versteckte Kunstlichtquellen, und Heizpilze machen die Terrasse erst so richtig gemütlich. Fragt sich, ob das alles sein muss.

Soziale Vernetzung[Bearbeiten]

In welche Richtung sollte sich ein wünschenswerter Wandel des Kleingartenwesens nun bewegen? Er sollte die bereits stattfindende Tendenz zur verstärkten Heterogenität hinsichtlich Alters- und Sozialstruktur sowie nationaler Herkunft unterstützen und sich nicht dagegen abschotten. Der Wandel sollte alle ökologisch motivierten Interessen befördern, ohne jedoch den Mitgliedern spezifische Nutzungsstrukturen aufzuzwingen. Ob sich jemand seine Parzelle als „Wohlfühlgarten“ einrichtet mit vorwiegendem Freizeit-, Erholungs- und Grillwert, oder als kleinen ökologischen Landbau, wofür Christa Müller in ihrem jüngsten Buch über „Urban Gardening“ plädiert[3], oder als Kinderspielplatz mit partieller gärtnerischer Selbstversorgung durch Obst- und Gemüseanbau, oder meinethalben auch als dekoratives Plätzchen zur Aufstellung von Gartenzwergen – das sollte möglichst frei von Zwängen und Vorschriften geschehen.

Wenn darüber hinaus die Städte und Gemeinden beispielsweise durch Stundungen von Pachtzahlungen oder Kreditierung von Ablösezahlungen sozial Schwachen zu einer Gartenparzelle verhelfen, wäre das begrüßenswert und könnte das Kleingartenwesen, welches in seiner Gesamtheit sicherlich ein wertvoller Beitrag zur urbanen Ökologie ist, gerade dort, wo Leerstände herrschen, neu beleben helfen.

Fußnoten[Bearbeiten]

  1. Hartmut Netz, Der klimafreundliche Garten, Energiesparen im Haushalt, Teil 10, in: Umweltbriefe, Ausgabe 08/11)
  2. Werner Heinz, Kleingartenwesen und demografischer Wandel, in: der städtetag 6/2011, S. 26-28
  3. Christ Müller (Hg), Urban Gardening. Über die Rückkehr der Gärten in die Stadt, Oekom Verlag München 2011, 325 Seiten 19,95 €

Zum Weiterlesen[Bearbeiten]

In der AKP sind in jüngster Zeit mehrere Artikel zu Stadt und Gartenbau zu finden, z. B.

  • Carola Scholz, Urbanes Grün, in: AKP 3/2011, S. 45-47
  • Heike Brückner: 400 Quadratmeter Dessau, in: AKP 2/2010, S. 58-60
  • Christa Müller: Neue Gartenbewegung, in: AKP 2/2010, S. 60-62

--AKP-Redaktion 14:18, 11. Jan. 2013 (CET)