Die kommunale Praxis-, Koordinations- und Servicestelle Jugendhilfe-Schule in Marburg wurde 1999 von der Stadt Marburg ausgeschrieben und bei dem freien Jugendhilfeträger bsj (Verein zur Förderung bewegungs- und sportorientierter Jugendsozialarbeit e. V.) eingerichtet. Mit dieser Stelle reagierte die Stadt Marburg auf gesellschaftliche Entwicklungen und auf neue Bildungsherausforderungen, insbesondere auf ausdifferenzierte Bedingungen des Heranwachsens von Kindern und Jugendlichen und auf deren Auswirkungen auf die Institutionen Jugendhilfe und Schule. Gemäß der Leistungsbeschreibung übernimmt die Praxis-, Koordinations- und Servicestelle Jugendhilfe-Schule die Aufgabe, eine intensive Kooperation und Vernetzung der lebensweltlich relevanten sozialen und pädagogischen Institutionen zu fördern und zu intensivieren, um somit die Bildungs- und Teilhabechancen von Kindern und Jugendlichen zu verbessern. Dieser Aufgabe wird in vier Bereichen entsprochen:
Die Praxis-, Koordinations- und Servicestelle übernimmt u. a. die Aufgabe, den Prozess der Kooperation zwischen einzelnen Schulen und Jugendhilfeträgern zu begleiten und zu moderieren. Als intermediäre Einrichtung hat sie zum Ziel, das Grundverständnis beider Institutionen im Rahmen von Öffnungsprozessen hin zur Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen zu erweitern, um somit einen Beitrag zu einem umfassenden Bildungsverständnis zu leisten. Dieses gewinnt vor dem Hintergrund der zunehmenden Anzahl von Schulen mit ganztägigen Angeboten zusätzlich an Bedeutung.
Darüber hinaus gibt es noch weitere Aufgaben, die im Folgenden skizzenhaft beschrieben werden:
Ein zentrales Arbeitsgebiet der Praxis-, Koordinations- und Servicestelle ist die Durchführung exemplarischer Praxisvorhaben in ausgewählten Kooperationsschulen. Diese orientieren sich am bsj-Konzept [2] , das sowohl den allgemeinbildenden Beitrag körperlicher Aktivitäten zur Wirkung kommen lässt als auch der Bedeutung Rechnung trägt, die die körperliche Dimension in so unterschiedlichen Zusammenhängen wie schulischer und beruflicher Ausbildung, Stressbewältigung, Emotionskontrolle oder Persönlichkeitsentwicklung besitzt. Durch die gemeinsame Entwicklung und Realisierung von Praxisprojekten mit den Lehrkräften im Unterricht, im Wahlpflichtbereich, bei Projektwochen und Klassenfahrten kann die Praxis-, Koordinations- und Servicestelle nicht nur einen Beitrag zu schulischen Reformprozessen im Sinne einer generalpräventiven Perspektive leisten. Untersuchungen zur Gewaltproblematik von Kindern und Jugendlichen in der Schule haben gezeigt, dass ein Schlüssel zur Vermeidung von Ausgrenzungsprozessen in der Verbesserung des Sozialklimas und der Stärkung sozialen Bindungen liegt. Diese Zielperspektiven stellen explizit einen Fokus der beabsichtigten Praxisprojekte dar.
Die Praxis-, Koordinations- und Servicestelle vermittelt im Sinne eines synergetischen und ressourcenoptimierenden Ansatzes zwischen Schule und Jugendhilfeeinrichtungen (örtliches Jugendamt, freie Träger) und unterstützt den Aufbau von Kontakten und Beziehungen. Wie oben beschrieben übernimmt sie dabei zum Teil die Begleitung und gegebenenfalls die Moderation der Kooperationsvorhaben.In enger Zusammenarbeit mit dem Beirat Jugendhilfe-Schule werden Jugendhilfeeinrichtungen und Schulen je nach der vor Ort bestehenden Problemlage zum Aufbau von Kooperationen beraten. Eine Auswahl von stattgefundenen Kooperationsprojekten soll die Bandbreite in der Zusammenarbeit verschiedener Jugendhilfeeinrichtungen und Schulen verdeutlichen:
In der Praxis kann zudem häufig festgestellt werden, dass Lehrkräfte zu wenig über das ausdifferenzierte Feld der Jugendhilfe informiert sind. Um möglichst frühzeitig Unterstützungsformen erfahren zu können, bedarf es hier des Austausches und der Information. Dies kann allerdings nicht durch eine weitere Flut von Informationsbroschüren geschehen, sondern eher durch die Möglichkeit der direkten Kontaktaufnahme. Aus diesem Grund führt die Praxis-, Koordinations- und Servicestelle regionale Fachtagungen durch, in der neben der Vorstellung von „good practice“ und inhaltlichen Inputs zu aktuellen Fragestellungen sich weitgehend alle Kinder- und Jugendhilfeträger der Stadt Marburg mit ihren schulbezogenen Angeboten präsentieren. Zusätzlich wurde eine eigene Internetseite zur Kooperation von Jugendhilfe und Schule eingerichtet, die umfassende Informationen bereitstellt.
Nach einer anfänglichen Erprobung verschiedener pädagogischer Aktivitäten sind diese zunächst auszuwerten, um anschließend verstärkt darauf zu achten, dass die Angebote langfristig sowohl in den Schulalltag als auch in den Jugendhilfealltag einbezogen werden. Es ist für die Entwicklung einer gemeinsamen Arbeit wichtig, über punktuelle Zusammenarbeitsformen wie einzelne themen- oder problembezogene Projekte hinaus eine Regelzusammenarbeit aufzubauen. Dies gilt in gleicher Weise für die sozialräumliche Netzwerkbildung. Die Einführung von Stadtteilkonferenzen („Runden Tischen“) ist in der Praxis in aller Regel für den Austausch der beteiligten Personen und Institutionen von sehr großer Bedeutung. Doch nach anfänglicher Euphorie muss häufig für einen neuerlichen Motivationsschub gesorgt werden, um die Struktur aufrechtzuerhalten. Hier ist es von Bedeutung, über den persönlichen Kontakt hinaus ein gemeinsames Thema sowie nötige Kooperationsvereinbarungen (z. B. Leistungen, Ziele, Verantwortlichkeiten, Evaluationen, gemeinsame Dienstbesprechungen) herzustellen.
Ein wesentliches Ziel bei der dauerhaften Etablierung von Netzwerken zwischen Schulen und Jugendhilfe ist die Implementierung von Strukturen, die in akuten Problemsituationen rasche Hilfen ermöglichen. Diese sollen Möglichkeiten eröffnen, angemessene und rechtzeitige individuelle Hilfen an Schulen zu realisieren, um die Zuspitzung der Konfliktsituationen, Schulwechsel oder gar Ausschulung bzw. die Einleitung weitreichender stationärer Hilfen zu vermeiden. Hier gilt es, einerseits in einem intensiven Kontakt mit dem Allgemeinen Sozialen Dienst des Jugendamtes, der ambulanten Beratungsstelle der Schule für Erziehungshilfe sowie z. B. einem regionalen Angebot für Schulverweigerung („2.Chance“) zu stehen.
Kooperation kann nicht verordnet werden, sondern muss erfahren und gelernt werden. Dies kann u. a. in handlungsorientierten Weiterbildungs- und Qualifizierungsangeboten erfolgen, in denen Lehrkräfte und Soziale Fachkräfte gemeinsame Erfahrungen reflektieren. Einerseits können den Teilnehmerinnen und Teilnehmern Fähigkeiten und Kompetenzen zur eigenständigen Umsetzung von attraktiven körper- und bewegungsbezogenen Praxisansätzen vermittelt werden. Andererseits können die Workshops/Seminare durch handlungsbezogene Settings so begleitet werden, dass Mechanismen der Zusammenarbeit, unterschiedliche Rollenverteilungen und daraus erwachsende Chancen und Probleme möglichst antizipiert und/oder sichtbar und damit reflektierbar werden. Die Reflektionen können dann in den Alltag transferiert werden und münden somit in der Qualität von Kooperationsstrukturen. Konkret wird seit 2010 regelmäßig ein Gesprächsforum "Kooperation zwischen Jugendhilfe und Schule in Marburg" durchgeführt mit der Zielsetzung der qualitativen Weiterentwicklung und Verstetigung gelingender Kooperationspraxis.
Hinsichtlich der unterschiedlichen konzeptionellen Ansätze und der strukturellen Ausprägungen von Kooperationen müssen entsprechende Qualitätskriterien entwickelt werden. Es ist ein zentrales Ziel der Praxis-, Koordinations- und Servicestelle, aus der bisher oftmals wahrgenommenen additiven Struktur der Zusammenarbeit eine kooperative Struktur zu entwickeln. Das meint, dass Lehrkräfte und soziale Fachkräfte sich gegenseitig als gleichwertige Partner sehen und, dass sie arbeitsteilig gemeinsam zur Lösung von Problemen beitragen. Die Entwicklung einer kooperativen Struktur ist ebenso die Intention des mit der Servicestelle eingerichteten Fachbeirates, der für die Vergabe der von der Stadt Marburg zur Verfügung gestellten Projektmittel zuständig ist. Qualitätskriterien umfassen u. a. auch die unterschiedlichen Kooperationsebenen, die Lehrkräfte und sozialen Fachkräfte in der direkten Praxis, die Leitungsebene und die Verwaltungsebene. Die Zusammenarbeit kann nicht nur durch einzelne Menschen getragen werden, sondern muss institutionell angebunden werden.
Praxis-, Koordinations- und Servicestelle Jugendhilfe-Schule Marburg
c/o bsj
Uta Rodenkirchen
Biegenstr. 40
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