Kultur als Standortfaktor

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Unter "Kultur als Standortfaktor" bzw. Wirtschafts- oder Imagefaktor versteht man alle kulturellen Aspekte, die sich in der kommunalen Wertschöpfung oder als Arbeitsmarktfaktoren niederschlagen. Das Erkennen, daß es sich bei Kultur um eine "Produktivkraft" handelt bzw. eine hohe "kulturelle Infrastruktur" notwendig ist für Image und wirtschaftliche Attraktivität einer Kommune, ist noch nicht sehr alt. Bis in die 80er Jahre galten kulturelle Aktivitäten quasi als "Sahnehäubchen" bei der kommunalen Daseinsvorsorge, wenn und nachdem alle wirklich wichtigen Dinge wie Gas- und Wasserversorgung, Müllabfuhr und Verkehrswesen bestellt und geregelt waren.

Umwegrentabilität[Bearbeiten]

Durch empirische Untersuchungen fand man dann jedoch heraus, daß Kultur hinsichtlich der Wertschöpfung ein sehr bedeutsamer Faktor sein kann. So beliefen sich die Nebeneinnahmen der Festspielbesucher in Salzburg (Hotels, Gaststätten, Shopping) nach einer Untersuchung der dortigen Handelskammer aus dem Jahre 1985 in einer Größenordnung, dass die darüber erzielten kommunalen Steuern und Abgaben die Subventionierung der öffentlichen Hand bei weitem übertrafen (betriebswirtschaftlich nennt sich ein solcher Effekt "Umweg-Rentabilität"). Das Münchner Ifo Institut stellte 1988 in einer im Auftrag der Bundesregierung erstellten Studie fest, daß bundesweit 9,6 Mrd. DM an Steuern und Abgaben aus Nebenausgaben im Kontext von kulturellen Aktivitäten kommunal erzielt wurden.

Imagegewinn[Bearbeiten]

Kulturelle Events, Volksfeste, Großveranstaltungen, Kongresse und Messen werden heute vielfach von den Kommunen unter dem Aspekt der Wertschöpfung angestoßen und subventioniert. Neben den bezifferbaren Mehreinnahmen durch Steuern und Abgaben kommt ein schwer quantifizierbarer immaterieller Nutzen durch die Erhöhung des Imagewertes einer Stadt oder Region hinzu. Wo kulturell etwas los ist, stellt sich als Binnensicht der Bürgerinnen und Bürger sowie als Wahrnehmung von außen das Gefühl von Lebensqualität und Weltoffenheit ein. Wer beispielsweise dieses oder jenes Musical in der und der Stadt besucht hat, "erbt" selbst etwas vom positiven Nimbus des geistig höherstehenden und offen-aktiven Kulturmenschen.

Mit solchen Imagefaktoren wächst überhaupt erst einmal die Unterscheidbarkeit von anderen Städten und Regionen, da ansonsten heute alle konventionellen Infrastrukturbereiche (Krankenhäuser, Straßen, Schulen, etc.) ein überwiegend gleiches Niveau aufweisen. Es wächst aber auch und vor allem der Wohn- und Freizeitwert einer Kommune. Dies wiederum wird inzwischen als wichtiger "weicher Standortfaktor" für unternehmerische Entscheidungen der Betriebsan- oder -umsiedlung bewertet.

Arbeitsmarktwirkung[Bearbeiten]

Engpässe hinsichtlich des Arbeitsmarktes stellen sich heute noch am ehesten für hochentwickelte Technologiebranchen (High Tech) ein. Für die Unternehmensallokation stellt daher die Wohnortpräferenz qualifizierter Arbeitskräfte einen bedeutsamen Faktor dar. Ein Unternehmen, welches hochqualifizierte Mitarbeiter etwa aus attraktiven Großstadtlagen abwerben will, kann dies nicht nur über interessante Arbeitsverträge und Lohnstrukturen vermitteln, sondern bedarf auch einer halbwegs vergleichbaren Lebensqualität hinsichtlich Kultur, Bildung und Freizeitangeboten vor Ort.

Eine Stadt, die als "verstaubt", "altmodisch" und "kulturell hausbacken" gilt, wird sich schwer tun, den Ansprüchen eines modernen Personalmanagements ihrer lokalen Unternehmen gerecht zu werden. Es ist zwar nicht leicht quantifizierbar, welche Wertigkeit die Kultur als "weicher Standortfaktor" wirklich besitzt. Jedoch gehen heute praktisch alle Städte und Gemeinden davon aus, daß der Standortfaktor "Kultur" von außerordentlich hoher Bedeutung ist. So gut wie alle Groß- und Mittelstädte würdigen dies daher mittels intensiver Bemühungen ihrer für das Stadt-Marketing oder City-Management zuständigen Instanzen.

Einzelne empirische Untersuchungen kommen sogar zu dem Befund, daß ein positives Stadtimage auch industrielle Kaufentscheidungen und Wirtschaftsabschlüsse positiv stimulieren kann, weil das Image in Form einer "Produkthaftung" fortbesteht und weiter wirksam bleibt. Ein Produkt in einer Stadt eingekauft zu haben, die bundesweit oder sogar international etwas gilt, zählt als zusätzlicher Eigenwert, etwa Kosmetika in Baden-Baden zu erwerben.

Fazit: Direkter wirtschaftlicher Nutzen[Bearbeiten]

Solche Beispiele zeigen, wie durch das Kulturangebot einer Kommune entweder ein direkter wirtschaftlicher Nutzen für den nicht-kulturellen Handel, das Gewerbe, Hotelerie und Gaststätten entsteht, oder indirekt durch die Erhöhung der Lebensqualität. Diese wiederum kann als Standortfaktor ausschlaggebend sein. Darum begreifen es heute die meisten Städte und Gemeinden als wichtige Aufgabe, mittels der "Produktivkraft" Kultur ihre Unverwechselbarkeit und lebensqualitativen Besonderheiten hervorzuheben.

Literatur[Bearbeiten]

  • Wolfgang Taubmann: Kultur als Wirtschaftsfaktor; in "Stadtkultur der 90er Jahre", Sonderheft der Demokratischen Gemeinde 1988, S. 35-44.

Siehe auch[Bearbeiten]