Pestizidfreie Kommune

Aus KommunalWiki
Wechseln zu:Navigation, Suche

"Pestizidfreie Kommune" ist ein vom BUND getragenes Projekt, das darauf abzielt, in Kommunen den vollständigen oder weitgehenden Verzicht auf den Einsatz von Pestiziden zu erreichen. Nach Angaben des BUND nehmen derzeit (Stand Dezember 2018) 460 Kommunen teil.[1]

Unterstützung vom BMU[Bearbeiten]

Das Bundesumweltministerium unterstützt die Bemühungen von Kommunen, pestizidfrei zu werden. Anlässlich eines Besuches der Stadt Dachau im Juli 2018 forderte der Parlamentarische Staatssekretär im BMU, Florian Pronold (SPD) die Kommunen zu einer solchen Strategie auf. „Das Verbot von Glyphosat auf städtischen Flächen ist ein erster Schritt hin zu einer umweltfreundlichen Bewirtschaftung“, sagte er. „Die weitgehend pestizidfreie Kommune ist möglich. Dies setzt ein verändertes Denken hinsichtlich des Schönheitsideals einer Stadt, die Bereitschaft zu Verhaltensänderungen und politischen Veränderungswillen voraus. ... Letztlich dürfen wir nicht bei Glyphosat stehenbleiben, wenn wir eine insgesamt umwelt- und naturverträglichen Anwendung von Pflanzenschutzmitteln erreichen wollen“.[2]

Methodisches Vorgehen[Bearbeiten]

Um in einer Kommune den Einsatz von Pestiziden überflüssig zu machen, werden mehrere Schritte empfohlen:

  • Schon bei der Planung von Wegen und anderen versiegelten Flächen das Thema "Wildkrautbewuchs" berücksichtigen;
  • Ein verändertes "Schönheitsideal" für Straßen, Wege und Plätze; Bewuchs kann häufig toleriert werden;
  • Bei Bedarf mechanische Verfahren wie Mähen, Handarbeit oder spezielle Wildkrautbürstenmaschinen anwenden;
  • Wo dies nicht ausreicht oder nicht anwendbar ist, gibt es thermische Verfahren: neben Abflamm- und Infrarotgeräten auch Maschinen, die mit heißem Schaum oder heißem Dampf arbeiten.

Insgesamt bringt eine enge Abstimmung zwischen Planung, Bau und Pflegeverantwortlichen das größte Pestizid-Einsparpotenzial für Kommunen. Zu bedenken ist, dass ein entsprechender Beschluss sich zunächst nur auf die gemeinde- oder kreiseigenen Flächen bezieht. Auf den Pestizideinsatz in der Landwirtschaft und in privaten Gärten hat die Kommune keinen direkten Einfluss. Sie kann aber beschließen, dass Pachtverträge für kommunales Land nur mit entsprechenden Auflagen neu verpachtet werden. Auf jeden Fall muss für den Verzicht auf Pestizide auch bei Privaten geworben werden.[3]

Lokale Beispiele[Bearbeiten]

Einige Beispiele von Kommunen, die auf Pestizide ganz oder teilweise verzichten (hier nur eine Auswahl)[4]:

Baden-Württemberg[Bearbeiten]

  • In Tübingen wird schon seit Mitte der 90er Jahre auf Initiative der Verwaltung auf den Einsatz von Pestiziden durch städtische Ämter verzichtet.

Bayern[Bearbeiten]

  • Die Große Kreisstadt Dachau verpachtet seit 2017 Ackerflächen nur noch an Landwirte, die auf bestimmte Pflanzenschutzmittel verzichten. Dies gilt jedoch nur für Neuverpachtungen.[5]
  • Die Gemeinde Markt Feucht in Mittelfranken setzt seit Juli 2018 keine Pestizide mehr ein. Ausnahmen sind bei Gefahr für den Menschen möglich wie z.B. zur Bekämpfung des Eichenprozessionsspinners. Im benachbarten Altdorf werden schon seit mehreren Jahren keine Pestizide eingesetzt und zusätzlich zum Schutz der Insekten Blühwiesen und -streifen angelegt. Ähnlich ist die Praxis schon länger in Burgthann, Schwarzenbruck und Leinburg, obwohl es dort keine förmlichen Beschlüsse zum Thema gibt.[6]

Brandenburg[Bearbeiten]

  • Auf Antrag von Bündnis 90 / Die Grünen hat sich Vetschau im Spreewald im Oktober 2018 zur pestizidfreien Kommune erklärt. [7]

Niedersachsen[Bearbeiten]

Mecklenburg-Vorpommern[Bearbeiten]

  • Nach Rostock hat jetzt auch Schwerin den Weg zur pestizidfreien Kommune politisch eingeleitet; die entsprechenden Vorschriften sollen bis Ende 2018 in Kraft treten.[10]

Nordrhein-Westfalen[Bearbeiten]

  • Münster hat schon seit 1989 den Pestizideinsatz auf allen städtischen Flächen und den Flächen der Tochtergesellschaften eingestellt.
  • Im Kreis Paderborn verzichten viele Kommunen teilweise oder ganz auf den Einsatz von Pestiziden, der Landkreis selbst verbietet den Einsatz chemisch-synthetischer Pflanzenbehandlungsmittel auch auf den von ihm verpachteten Flächen.[11]

Saarland[Bearbeiten]

  • Saarbrücken verzichtet bereits über 20 Jahre auf Pestizide sowohl auf Kultur- wie auf Nicht-Kulturland. Eine Ausnahme sind Rasensportflächen.

Sachsen[Bearbeiten]

Der BUND Sachsen hat sächsische Kommunen zum Einsatz von Glyphosat und anderen Pestiziden befragt; von 421 angeschriebenen Gemeinden antworteten 314. Die Ergebnisse:

  • 177 arbeiten auf kommunalen Flächen ohne Pestizide;
  • 77 verwenden regelmäßig Glyphosat;
  • 53 haben ihren Pestizideinsatz reduziert und prüfen Alternativen;
  • 41 können einen Einsatz von Pestiziden auf allen kommunalen Flächen ausschließen;
  • 32 konnten ausschließen, dass Pestizide auch auf verpachteten Flächen angewendet würden.

Ein häufiger Grund für den Pestizideinsatz ist die Einsparung von (teuren) Arbeitskräften. Beispiel: Die Große Kreisstadt Aue ließ Grünflächen jahrelang von Hand z.B. von Beschäftigten des zweiten Arbeitsmarktes von Unkraut befreien. Nachdem diese aufgrund der Arbeitsmarktentwicklung nicht mehr zur Verfügung stehen, werden wieder Pestizide eingesetzt. Auch andere Alternativen wie thermische Geräte werden von vielen Kommunen wegen der Kosten und des Energieverbrauchs abgelehnt.

Leipzig hat auf Initiative der grünen Stadtratsfraktion 2015 den schrittweisen Ausstieg aus der Glyphosat-Anwendung beschlossen. Allerdings ist dieser noch nicht am Ziel, es gibt auch keine städtische Öffentlichkeitsarbeit zum Thema.

Ausführlich zu Sachsen[Bearbeiten]

International[Bearbeiten]

  • Im Städtenetzwerk QuattroPole, der grenzüberschreitenden Kooperation der regional benachbarten Städte Luxemburg, Trier, Saarbrücken und Metz, finden Fachexkursionen statt, um anderen Kommunen von den Erfahrungen mit dem Verzicht auf Pestizide zu berichten.

Beschlussvorlage[Bearbeiten]

Der BUND hält einen Musterantrag „Pestizidfreie Kommune“ zum Download bereit, der in die kommunale Politik eingebracht werden kann.

Fußnote[Bearbeiten]

  1. BUND: Pestizidfreie Kommunen: Es tut sich was sowie Projekt "Pestizidfreie Kommune": Schon über 460 Kommunen praktizieren Insektenschutz, Pressemitteilung vom 18.12.2018
  2. topagrar: [BMU-Staatssekretär Pronold fordert pestizidfreie Kommunen, 12.07.2018
  3. Vgl. BR, "Glyphosatfreie" Landkreise – Vorreiter oder Marketing-Gag?, 15.12.2017 zu den Landkreisen Berchtesgadener Land und Miesbach
  4. Die Beispiele sind teilweise auf dem Stand von 2016
  5. topagrar: [BMU-Staatssekretär Pronold fordert pestizidfreie Kommunen, 12.07.2018
  6. nordbayern, Wildkraut statt Chemie: Kommunen verzichten auf Pestizide, 09.07.2018
  7. LRonline, Vetschau wird pestizidfreie Stadt, 03.10.2018
  8. zu Stadt und Landkreis Rotenburg: kreiszeitung: Kommunen setzen kein Glyphosat mehr ein, 27.12.2017
  9. t-online, Viele Kommunen verzichten auf Unkrautvernichtungsmittel, 05.02.2018
  10. focus: Schwerin will pestizidfrei werden, 13.03.2018; danach wollen auch Bergen, Neustrelitz und Greifswald entsprechende Ziele umsetzen.
  11. Neue Westfälische: Einige Kommunen im Kreis Paderborn nutzen Glyphosat-Alternativen, 06.01.2018

Weblinks[Bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten]