Volksbanken Raiffeisenbanken fördern Bürgerstiftungen

Aus KommunalWiki
Wechseln zu:Navigation, Suche

Mehr als Geld und Zinsen[Bearbeiten]

„Gemeinsam mehr erreichen“ – auf keine andere Stiftungsform trifft dies so zu wie auf die Bürgerstiftungen. Gemeinsam wird langfristig das Vermögen durch Zustiftungen, in Form von Treuhandstiftungen oder mit Stiftungsfonds aufgebaut. Neben dem Geld zählt aber auch das persönliche Engagement.

Ein Artikel von Stefan Nährlich / Bernadette Hellmann

In Bürgerstiftungen tragen Bürgerinnen und Bürger selbst dafür die Verantwortung, das lokale Gemeinwesen positiv weiter zu entwickeln [1]. Nicht der Staat hilft den Bürgern, sondern die Bürger helfen sich zunächst einmal selbst. Bürgerstiftungen leben von der Vielzahl ihrer Stifter und Zustifter: Neben Privatpersonen engagieren sich auch Unternehmerinnen und Unternehmer sowie vor allem kleine und mittelständische Firmen und Betriebe in Bürgerstiftungen. Für Bürgerstiftungen engagieren sich nicht allein „Geldstifter“, sondern auch „Zeit-“ und „Ideenstifter“. Denn Bürgerstiftungen bieten ideale Möglichkeiten, sich miteinander für das lokale Gemeinwohl zu engagieren.

Wie sich die Bürgerstiftungen entwickeln, untersucht die Aktive Bürgerschaft seit mehreren Jahren systematisch im „Länderspiegel Bürgerstiftungen. Fakten und Trends“ [2]. Bürgerstiftungen verbreiten sich in Deutschland so dynamisch wie kein anderes Stiftungsmodell. Seit Gründung der ersten Bürgerstiftungen Mitte der 1990er Jahre in Gütersloh und Hannover existieren heute bereits mehr als 292 Bürgerstiftungen bundesweit (Stichtag: 30.06. 2010). Damit belegt Deutschland im internationalen Vergleich Platz 2 hinter den USA, dem Entstehungsland der Community Foundations. Rund 35 Millionen Menschen – das sind 43% der Bevölkerung – haben heute potenziell Zugang zu einer Bürgerstiftung, als Stifter, Spender, Ehrenamtliche oder Projektantragsteller. Die größte Bürgerstiftungsdichte hat Baden-Württemberg mit 6,8 Bürgerstiftungen pro eine Million Einwohner. Es folgen Niedersachsen (5,9) und Nordrhein-Westfalen (4,5). Unter den ostdeutschen Bundesländern liegt Thüringen mit 2,6 Bürgerstiftungen auf eine Million Einwohner vorn.

Das Vermögen der deutschen Bürgerstiftungen wuchs 2009 auf insgesamt 151,9 Mio. Euro (Stand: 31.12.2009). Trotz der Finanzkrise ist dies eine Steigerung um 11% im Vergleich zum Vorjahr. Bürgerstiftungen bieten Stiftern erfolgreich die Möglichkeit, zweckgebundene Zustiftungen in Form von Fonds oder Treuhandstiftungen mit dem Engagement für bestimmte Regionen oder Themen wie Jugend, Bildung, Kultur oder Umwelt zu verbinden. Das Fondskapital hat sich innerhalb der letzten drei Jahre auf 10,9 Mio. Euro verdoppelt.

Volksbanken und Raiffeisenbanken als Förderer[Bearbeiten]

Die Bürgerstiftungen haben 2009 insgesamt 8,1 Mio. Euro an Spenden eingeworben und 9,7 Mio. Euro für gemeinnützige Zwecke ausgeschüttet. Die ostdeutschen Bürgerstiftungen lagen 2009 bei Spenden und Förderung im Durchschnitt vor den westdeutschen. Seit 2005 haben Bürgerstiftungen gemeinnützige Zwecke mit insgesamt 32,1 Mio. Euro gefördert. Rund 90% des im Jahr 2008 zugestifteten Kapitals kamen von Privatpersonen und Unternehmen.

Rund 4.000 ehrenamtliche Gremienmitglieder engagieren sich bundesweit in Vorstand und Kuratorium der 292 Bürgerstiftungen. Zwei Drittel von ihnen bringen sich nicht nur mit Zeit und Ideen ein, sondern haben sich auch finanziell als Stifter beteiligt. Die Gremienmitglieder von Bürgerstiftungen sind überdurchschnittlich gut ausgebildet: 73,4% verfügen über einen Hochschulabschluss, teilweise mit Promotion. Die Top-Berufe im Vorstand sind Steuer- und Rechtsberater (18,4%), gefolgt von Bankvorständen und -mitarbeitern (16,8%) sowie Managern aus Unternehmen (11,5%). Im Kuratorium sind die Berufsgruppen repräsentativer angelegt. Bei den meisten Bürgerstiftungen sind Volksbanken und Raiffeisenbanken als Gründungsstifter oder Förderer in unterschiedlichem Umfang engagiert. Das hat Programm!

Im Jahr 2002 hat der Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR) seine Mitgliedsbanken zu einem verstärkten Engagement für Bürgerstiftungen aufgerufen, um mit ihrem Engagement vor Ort einen langfristigen und nachhaltigen Beitrag zur Stärkung der Lebensqualität in Städten und Gemeinden, Landkreisen und Regionen zu leisten. Vier von fünf Bürgerstiftungen in Deutschland profitieren inzwischen vom gesellschaftlichen Engagement ihrer örtlichen Genossenschaftsbank [3]. Die Aktive Bürgerschaft als Kompetenzzentrum der Volksbanken und Raiffeisenbanken für Bürgerengagement unterstützt und begleitet dieses Engagement bundesweit.

„Was dem Einzelnen nicht möglich ist, das vermögen viele.“ Diese Worte von Friedrich Wilhelm Raiffeisen (1818–1888) beschreiben seit mehr als 150 Jahren die Idee der Genossenschaft und den Sinn von Kooperationen. Auch Hermann Schulze-Delitzsch (1808-1883), Gründer der Volksbanken und Sozialreformer, dessen 200. Geburtstag im Jahr 2008 begangen wurde, betonte dieses Prinzip und verdeutlichte in einem seiner bekanntesten Zitate den Vorrang von Selbsthilfe vor Staatshilfe: „Der Geist der freien Genossenschaft – ist der Geist der modernen Gesellschaft“.

Bürgerstiftungen wollen bürgerschaftliches Engagement stärken, aus eigener Kraft, durch private Initiative, in Selbstverwaltung und Selbstverantwortung. Sie tun dies in einem lokalen oder regional definierten Gebiet, zu dem sie Zugang haben, von dessen Problemen und Chancen sie Kenntnis haben, und mit Lösungsansätzen, von deren Richtigkeit sie überzeugt sind. Genossenschaftsbanken sind den Bürgerstiftungen in vielem sehr ähnlich, auch wenn sich ihre Tätigkeit auf wirtschaftliche Aktivitäten konzentriert. Als verantwortungsvolle Unternehmensbürger – in der internationalen Diskussion als "Corporate Citizen" [4] bezeichnet – nehmen sie aber auch eine gesellschaftliche Verantwortung wahr, wohl wissend, dass sich die regional verwurzelten Volksbanken und Raiffeisenbanken nur dort positiv entwickeln und gute Geschäfte machen können, wo es den Menschen und den Unternehmen gut geht. Das Engagement der Genossenschaftsbanken für Bürgerstiftungen ist vielfältig und hängt wesentlich von den örtlichen Gegebenheiten ab. Von Genossenschaftsbanken geht häufig die Gründung einer Bürgerstiftung aus (z. B. anlässlich eines Jubiläums der Bank), oder sie sind einer von mehreren Gründungsstiftern. Oft beteiligen sie sich als Förderer, beispielsweise finanziell mit Zustiftungen oder Spenden. Sie unterstützen Projekte, z. B. für die Integration von Zuwanderern, die Verbesserung der Arbeitsmarktchancen von Jugendlichen, die Förderung von Lernen und Bildung und vieles andere mehr. Durch so genannte Matching Funds, mit denen sie Zustiftungen von Bürgerinnen und Bürgern bis zu einem festgelegten Betrag verdoppeln, schaffen sie vielerorts einen Anreiz zum Mitmachen bei der örtlichen Bürgerstiftung. Darüber hinaus engagieren sie sich auch mit Sachspenden, mit dem freiwilligen Einsatz ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, ihrem lokalen Know-how und ihrem Netzwerk aus Firmen- und Privatkunden.

10 Tipps für die Kooperation mit Bürgerstiftungen[Bearbeiten]

Auch Kommunen unterstützen vielerorts ihre lokale Bürgerstiftung. In vielen Städten und Gemeinden funktioniert das Miteinander von Bürgerstiftung und Kommune gut. Leider sind aus Sicht der Bürgerstiftungen jedoch immer wieder Vereinnahmungsversuche zu registrieren wie insbesondere in Baden Württemberg [5]. Die Gründung der Bürgerstiftung Ulm im Jahr 1997, deren Vorstand aus dem Oberbürgermeister und je einem Vertreter der Fraktionen des Ulmer Gemeinderats besteht, oder das 2006 von Kommunalen Spitzenverbänden propagierte Modell der „Kommunalen Bürgerstiftung“ haben zu Misstrauen geführt. Lokalpolitiker oder Mitarbeiter der Kommunalverwaltung, die das Thema Bürgerstiftung vor Ort aufgreifen, sollten sich dieser Problematik bewusst sein und sensibel damit umgehen. Die folgenden Hinweise können helfen, typische Probleme zu vermeiden.

Was Kommunen nicht tun sollten:[Bearbeiten]

  • Als Kommune eine Bürgerstiftung gründen, mit Ratsmitgliedern die Gremien besetzen und die Bürger um Zustiftungen bitten. Das widerspricht der Idee und den Merkmalen einer Bürgerstiftung, bringt kaum Zustiftungen und ist eine Steilvorlage für alle Kritiker. Stattdessen: Die Idee einer Bürgerstiftung öffentlich begrüßen, sich aber nicht als Initiator oder Motivator in die Pflicht nehmen lassen. Die Botschaft: Unterstützen ja, anschieben nein.
  • Im Rat die Gründung einer Bürgerstiftung beschließen. Da die Gründung einer Bürgerstiftung keine Angelegenheit des Rates ist, gibt es für ihn auch nichts zu beschließen. Im schlimmsten Fall wird die gute Absicht „politisiert“ und im Streit der Fraktionen und Parteien beschädigt. Stattdessen: Die Idee einer Bürgerstiftung öffentlich begrüßen und zu einer Angelegenheit der Bürger und Unternehmen erklären.
  • Sich in den Vorstand einer Bürgerstiftung berufen oder sich zum Vorsitzenden eines Organs wählen lassen. Das weckt Erwartungen, die nicht erfüllt werden können (Geld für die Bürgerstiftung) und programmiert bei klammen kommunalen Haushalten Interessenkonflikte vor (Förderung durch die Bürgerstiftung anstelle der Kommune). Stattdessen: Andere Funktionen bei der Bürgerstiftung annehmen wie z.B. Schirmherr, Kuratoriumsmitglied oder im Freundeskreis aktiv werden.
  • Als Verwaltung oder Lokalpolitiker die Bürgerstiftung ignorieren. Die Arbeit der Bürgerstiftung hat so oder so Auswirkungen in und auf die Kommune, z. B. bei Fragen der Finanzierung oder Folgefinanzierung von Vorhaben. Stattdessen: Einen guten Draht zur Bürgerstiftung pflegen und eine aufgaben- und arbeitsteilige Zusammenarbeit suchen.
  • Die Bürgerstiftung von der Stadt oder Gemeinde mitverwalten lassen. Wenn die Adresse des Rathauses auch die der Bürgerstiftung wird, erweckt, was vielleicht großzügig gemeint war, nach außen einen falschen Eindruck. Stattdessen: Kontakte nutzen, um der Bürgerstiftung leerstehende Büro- oder Gewerbeimmobilien für eine Zwischennutzung zur Verfügung zu stellen.

Was Kommunen tun sollten:[Bearbeiten]

  • Beteiligen Sie sich als Gründungsstifter oder Zustifter an einer Bürgerstiftung. Neben Geld können auch Immobilien, Wertpapiere, Unternehmensbeteiligungen oder sonstige Vermögensgegenstände eingebracht werden.
  • Einen Matching Fund auflegen, aus dem alle Zustiftungen an die Bürgerstiftung verdoppelt werden. Dies ist nicht nur ein Anreiz für weitere Zustifter, sondern zugleich ein Signal, dass öffentliche Gelder nur zu erwarten sind, wenn sich auch die private Seite engagiert. Der Fonds kann in der Höhe und in der Laufzeit begrenzt sein.
  • Stiftungen durch die Bürgerstiftung verwalten lassen und potentielle Stifter an die Bürgerstiftung verweisen. Verwaltungen müssen nicht mehr selbst Treuhandstiftungen für Bürger errichten und verwalten. Wer dies frühzeitig von der Bürgerstiftung machen lässt, spart Kosten und Aufwand.
  • Engagementförderung und Koordinierung durch die Bürgerstiftung betreiben lassen. Kommunen fördern vielfach sogenannte engagementunterstützende Einrichtungen und Maßnahmen. Für privates Engagement kann die Bürgerstiftung ein wichtiger Koordinator und Ansprechpartner für die Kommune sein.
  • Kenntnisse und Kompetenzen der Bürgerstiftung nutzen. Bürgerstiftungen verfügen häufig über gute Netzwerke und Kontakte, sie haben Zugang zu verschiedenen Formen bürgerschaftlichen Engagements.

Literatur[Bearbeiten]

  1. Nährlich, Stefan (2007): Rechenschaft und Governance. Wie sich Stiftungsarbeit legitimiert. In: „Themenpaket Bürgerstiftungen“ der Heinrich-Böll-Stiftung. Onlinebeitrag in der Kommunalpolitischen Infothek.
  2. Hellmann, Bernadette/Wannow, Bodo (2010): Länderspiegel Bürgerstiftungen. Fakten und Trends 2010. Hrsg. Aktive Bürgerschaft, Berlin. Die neueren Ausgaben sind zu hier zu finden.
  3. Nährlich, Stefan (2010): Gemeinsam mehr erreichen. Volksbanken und Raiffeisenbanken: Engagiert für Bürgerstiftungen. Beilage zum Länderspiegel Bürgerstiftungen. Fakten und Trends 2010. Hrsg. Aktive Bürgerschaft, Berlin.
  4. Backhaus-Maul, Holger/Biedermann, Christiane/Nährlich, Stefan/Polterauer, Judith (2010): Corporate Citizenship in Deutschland. Gesellschaftliches Engagement von Unternehmen. Bilanz und Perspektiven. Wiesbaden, VS-Verlag. 2. erweiterte und aktualisierte Auflage. Reihe Bürgergesellschaft und Demokratie.
  5. Nährlich, Stefan (2006): Bürgerstiftungen als Akteure von „Regional Governance“. In: Ralf Kleinfeld/Harald Plamper/Andreas Huber (Hrsg.): Regional Governance Band 2. Steuerung, Koordination und Kommunikation in regionalen Netzwerken als neue Formen des Regierens, Göttingen, V&R unipress, S. 143-152.
Zusätzlich: Nährlich, Stefan/Strachwitz, Rupert/Hinterhuber, Eva Maria/Müller, Karin (2006): Bürgerstiftungen in Deutschland - Bilanz und Perspektiven. Wiesbaden, VS-Verlag. Reihe Bürgergesellschaft und Demokratie.

Weblink[Bearbeiten]

  • Mit dem Bürgerstiftungsfinder der Aktiven Bürgerschaft gelangen Sie schnell und einfach zur Bürgerstiftung in Ihrer Nähe. Das Online-Verzeichnis enthält Kontaktadressen, Finanzdaten und Presseartikel zu Bürgerstiftungen in Deutschland.

Über die Autoren[Bearbeiten]

Dr. Stefan Nährlich ist Wirtschaftswissenschaftler und Geschäftsführer des Vereins Aktive Bürgerschaft in Berlin. Der gelernte Verwaltungsangestellte berät seit mehr als zehn Jahren vor allem Volksbanken und Raiffeisenbanken, die sich für Bürgerstiftungen engagieren. Er lehrt an der Universität Münster im Studiengang „Nonprofit-Management und Governance“ (Kontakt: stefan.naehrlich@aktive-buergerschaft.de).

Bernadette Hellmann, M.A. und Stiftungsmanagerin (DSA), verantwortet als Projektleiterin den Arbeitsbereich Bürgerstiftungen bei der Aktiven Bürgerschaft. Sie berät Bürgerstiftungen und Gründungsinitiativen und betreut Veranstaltungen und Publikationen, wie die Regionalforen und Ratgeber für Bürgerstiftungen (Kontakt: bernadette.hellmann@aktive-buergerschaft.de).

Quelle: AKP 3/11, S. 36-38.