Von Projekten zu Strukturen – Übergangsmanagement im Kreis Gütersloh

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Einleitung[Bearbeiten]

Der Übergang Schule-Beruf ist heute kein Selbstläufer mehr. Das komplexe Feld befindet sich an der Schnittstelle vieler Zuständigkeiten, das zu häufig dysfunktional wirkt. Für einen erfolgreichen Übergang sind vor allem Bildungssystem und Schulen, Ausbildungsbetriebe und Wirtschaftsförderung, Jugend(berufs-)hilfe und die Argen als beteiligte Stellen zu nennen. Für immer weniger Jugendliche, insbesondere für schwache und ausländische Schüler, ist ein selbständiger Übergang machbar. Immer häufiger entscheiden sich Jugendliche nach der allgemein bildenden Schule für den Übergang ins Kolleg, was ihre Zukunftsaussichten häufig verschlechtert und in den Kollegs zu Problemen führt, deren Bewältigung Zeit von anderen Aufgaben abzieht.

Bildungspolitische Perspektive[Bearbeiten]

Der Übergang Schule-Beruf wird vom Land NRW prioritär adressiert. Die neue Erlasslage regelt das Recht der Schüler auf individuelle Beratung und Betreuung, allerdings ohne dafür Mittel in Aussicht zu stellen. Der mit den Trägern des Ausbildungskonsenses abgestimmte Erlass des Schulministeriums sieht eine breit angelegte Berufsorientierung (BO) als Teil der Allgemeinbildung vor. Die BO hat alle Akteure – Familien, Jugendliche, Schulen, Berufsberatung, Wirtschaft, kommunale Stellen und Hochschulen – einzubeziehen. Die BO soll die Ausbildungsreife bewirken und in allen Schulformen verpflichtend und ganzheitlich in Form eines Spiralcurriculums durchgeführt werden. Das Schülercoaching als eine Maßnahme ist explizit erwähnt.

Wirtschaftspolitische Perspektive[Bearbeiten]

Eine ganzheitliche Standortentwicklung besteht heute zunehmend auch aus der Schaffung und Sicherung zukunftsfähiger Bildungslandschaften. Für den Kreis Gütersloh gilt dies in besonderer Weise.

Der Kreis

  • ist demographisch im Vorteil gegenüber fast allen anderen Landkreisen der Republik: Unsere Jugend ist unser großes Potential!
  • hat einen gesunden Unternehmensbesatz; bekannte Markenartikler und familiengeführte Unternehmen sind hier ansässig – diese Unternehmen haben auf ihren Märkten durch ihre Qualitätsorientierung Erfolg. Sie orientieren sich zunehmend international
  • wird von den Unternehmen sehr positiv beurteilt, die Kooperation ist gut
  • hat bei der Wirtschaftsförderung schon erfolgreich mit Kommunen und Wirtschaft kooperiert
  • ist besonders im industriellen Bereich stark
  • ist im neuen Zukunftsatlas von Prognos von Platz 94 auf Platz 87 von 439 hinsichtlich seiner Zukunftschancen geklettert. Betrachtet wurden die Kategorien Demografie, Arbeitsmarkt, Wettbewerb und Innovation sowie Wohlstand und Soziale Lage. Gütersloh steht gut da bei Dynamik und Demografie und deutlich schlechter Wettbewerb und Innovation.
  • ist mittlerweile Träger aller fünf Berufskollegs, der Schulform an der Schnittstelle vom Schulsystem zur Arbeitswelt.

Auf der anderen Seite hat insbesondere das Jahr 2006 gezeigt, dass für längerfristige Erfolge im Kreis einige Bedingungen verbessert werden müssen:

  • Wir brauchen mehr Schüler mit höheren Schulabschlüssen (Mehrsprachigkeit, Informationstechnologie (!) und Qualitätsanspruch heimischer Unternehmen).
  • Wir müssen v. a. Aussiedler und Ausländer stärker in Ausbildung vermitteln und ihnen mehr und bessere Schulabschlüsse ermöglichen.
  • Als Kreis ohne Hochschule müssen wir anspruchsvolle Ausbildungen auf intelligente Art fördern.
  • Wir brauchen eine bessere Zusammenarbeit von Schulen, Berufskollegs, Wirtschaft und Verwaltung.
  • Wir brauchen eine bessere Verzahnung der Akteure, die am Übergang Schule-Beruf beteiligt sind, um alle Ausbildungsplätze und sinnvollen Maßnahmen auszuschöpfen.
  • Wir brauchen eine Politik, die junge Leute anregt, in die im Kreis erfolgreichen Branchen einzusteigen.
  • Wir müssen die Berufskollegs von „Warteschleifen-Schülern“ entlasten, damit sie sich auf ihre Kernaufgabe konzentrieren können: Vorbereitung auf die Berufswelt und Vermittlung der dort benötigten Qualifikationen.

Der Kreis Gütersloh ist stärker als andere industriell geprägt und daher besonders konjunkturreagibel. 2006/2007 hat sich das positiv auf die Ausbildungsbilanz ausgewirkt, die „kritische“ Klientel an Schulabgängern profitiert davon aber kaum. Nach wie vor wird von Seiten der Wirtschaft die mangelhafte Ausbildungsreife der Schüler bemängelt.

Sozialpolitische Perspektive[Bearbeiten]

In vielen Städten und Kreisen ist die Bedeutung eines reibungsärmeren Übergangs von der Schule in den Beruf durch die Schaffung von Koordinierungsstellen gelöst worden. Dies hat sich zuletzt die Regionalkonferenz als strategisches Ziel gesetzt. Zuletzt hat die Stadt Bielefeld mit ihrem Jugendhaus ein sehr klares Bekenntnis zur Verzahnung von Bildungsfragen, Jugend(berufs-)hilfe und Ausbildungsvermittlung abgelegt. Herford betreibt sein regionales Bildungsbüro seit längerer Zeit, dort läuft u. a. die zentrale Anmeldung für die Berufskollegs. Höxter hat soeben ein Bildungsbüro eingerichtet. Auch in den Nachbarkreisen wie Warendorf entstehen Bildungsbüros.

Erfolgreich in Ausbildung“ wird seit 2005 im Kreis betrieben. Es fußt seinerseits auf Aktivitäten zur Verbesserung des Übergangs Schule-Beruf, wie das „SIEGEL ausbildungsfreundliche Schule“, die noch Ende des letzten Jahrhunderts begonnen worden sind. Nach einer ersten Finanzierungsphase 2005 – 2007 über Mittel im Umfang von 3 Mio. Euro aus dem Europäischen Sozialfonds (ESF) konnten die 16 Übergangscoaches auf 11,2 Stellen eingesetzt werden. Die Übergangscoaches sind häufig ehemalige Schulsozialarbeiter, Sozialpädagogen oder Sozialarbeiter.

Der Kreis Gütersloh hat im Juni 2007 beschlossen, die erfolgreichen Aktivitäten beizubehalten und auszuweiten. Ab 2008 werden – jetzt auch unterstützt von der Bundesagentur für Arbeit über Mittel des Programms „vertiefte Berufsorientierung“ – 22 Übergangscoaches auf 15 vollen Stellen sowie eine Koordinationsstelle am Übergang arbeiten. Das Vorgehen ist dabei konzentriert auf eine intensive individuelle Beratung der Schüler der Klassen 9 und 10 aller Haupt- und Gesamtschulen im Kreis, einem Interessen- und Kompetenzcheck, Profiling und Begleitung im Bewerbungsprozess. Die Übergangscoaches arbeiten an den Schulen und koordinieren dort die vielfältigen Aktivitäten von Schule und Dritten. Sie akquirieren selbst Ausbildungsstellen und vermitteln auch Schüler auf von Dritten akquirierten Ausbildungsstellen. Zum Aufgabenprofil der Coaches gehört eine Nachbetreuung vermittelter Bewerber sowie beratener Schüler auf ihrem Ausbildungsplatz und an der Berufsschule für ein halbes Jahr.

Bedingung für die Weiterführung der erfolgreichen Arbeit waren einstimmige Voten der Hauptschulleiter, der Schulaufsicht, der Bürgermeister und des Kreistags.

Vom Projekt "Erfolgreich in Ausbildung" zu einem systematischen Übergangsmanagement im Kreis[Bearbeiten]

Das Projekt „Erfolgreich in Ausbildung“ (EiA) als das zentrale Leuchtturmprojekt des Kreises Gütersloh hat nicht nur erfolgreich die Ausbildungsquote von Hauptschülern erhöht (von 27,5 Prozent 2005 auf 34 Prozent 2007), sondern insbesondere Strukturen gelegt, die erhaltens- und ausbauwürdig sind. Die ländlichen Hauptschulen haben mittlerweile wieder Übergangsquoten von über 50 % (betriebliche und schulische Ausbildung). Die vorliegenden Kooperationsvereinbarungen zwischen dem Projekt und Berufsberatung (60 % der EiA-Schüler melden sich bei der Berufsberatung) sowie zwischen EiA und gtaktiv GmbH, der Gütersloher Arge, (etwa 300 EiA-Jugendliche sind im SGB II-Bezug) müssen in den nächsten Jahren mit Leben und Routine gefüllt werden. Die Ergebnisse der Zwischenevaluation belegen, dass insbesondere im Bereich der verbesserten Kooperation von Berufsberatung des Arbeitsamtes, Fallmanagement der gtaktiv GmbH (Arge) und den zahlreichen Projekten zur Erhöhung der Anzahl der Ausbildungsplätze durch den Ausbildungskonsens und andere noch Potential liegt. Dieses liegt u. a. in einer konsequenteren Ausschöpfung von Kapazitäten der BA wie EQJ (Einstiegsqualifizierung für Jugendliche) und BVB (berufsvorbereitende Bildungsmaßnahmen).

Über die Hälfte der Bewerber um einen Ausbildungsplatz 2007 sind Altbewerber aus 2006 oder früher. Die Arbeit mit den Übergangscoaches und den Schulen hat gezeigt, dass die Jugendlichen, die automatisch ins Berufskolleg (oder an die Oberstufe der Gesamtschule) übergehen, ohne eine Ausbildung in Betracht zu ziehen, mit diesem Verhalten ihre Zukunftsaussichten verschlechtern, weil sie am Berufskolleg oder der Oberstufe nicht erfolgreich sind. Diese Jugendlichen sind teilweise ausbildungsfähig, aber aufgrund ihrer persönlichen Motivationslage unfähig, sich aktiv für einen Ausbildungsberuf zu entscheiden; häufig fehlt auch die Unterstützung der Eltern. Eine Beratung und Steuerung dieser Jugendlichen ist eine sehr zeitintensive Arbeit.

Die Diskussionen mit den Berufskollegs haben ergeben, dass im Rahmen einer erfolgreichen Bildungsplanung die Übergänge in die Kollegs besser gesteuert werden müssen. Dies kann die abgebende Schule (Haupt- oder Gesamtschule) nicht leisten. Hierzu wird EiA im Sinne eines systematischen Übergangsmanagements auf alle Jugendlichen in Klassen 9 und 10 in Haupt- und Gesamtschulen ausgeweitet. Die Beratung soll ausgedehnt werden auf den Übergang in

  • die gymnasiale Oberstufe als Ziel für etwa 10 Prozent der Hauptschüler,
  • die duale Ausbildung mit dem Ziel, 40 Prozent eines Jahrgangs zu vermitteln,
  • schulische Sonderformen (z. B. Pflege- und Erzieherfachschulen) mit dem Ziel, 5-10 % eines Jahrgangs unterzubringen,
  • die Berufskollegs mit dem Ziel, 20-25 % eines Jahrganges zu beschulen,
  • Maßnahmen von BA und anderen Trägern mit dem Ziel, bis zu 20 % eines Jahrgangs dort zu platzieren.

Ziele des erweiterten Ansatzes sind:

  • Jede(r) Jugendliche erhält rechtzeitig einen persönlichen Ansprechpartner.
  • Jede(r) Jugendliche erhält ein individuell passgenaues Angebot, kein(e) Jugendliche(r) bleibt unversorgt.
  • Ausbildungsbetriebe erhalten ein passgenaues Angebot.
  • Alle Angebote sind bekannt, es gibt einen funktionierenden Datentransfer.
  • Bedarfsgerechte Angebotsstruktur, vorgehaltene Maßnahmeplätze sind optimal besetzt, finanzielle und qualitative Synergieeffekte.Systematische Bewältigung der Lehrstellenkrise statt Aktivismus.

Die Übergangscoaches an den Schulen bilden eine in den Schulen mittlerweile etablierte Anlaufstelle für Projektträger und Behörden, die am Berufswahlprozess beteiligt sind. Nur sie können den Zugang zu den Schülern steuern und lenken. Eine zentrale Rolle spielt neben einem verbesserten Informationszugang der Coaches zu berufskundlichen Themen die Nutzung der Potentiale der eingeführten Datenbank. Auch die vom Kreis in Auftrag gegebene Schulentwicklungsplanung für die Berufskollegs sowie die neue Datenbank „Schüler online“ flankieren die angestrebte bessere Verzahnung der Systeme.

Die Übergangscoaches sorgen für

  • eine Erhöhung der Ausbildungsquote
  • Akquise von (zusätzlichen) Ausbildungsplätzen
  • Nachbetreuung auf dem Arbeitsplatz und eine Verringerung der Abbruchquote
  • eine klarere Vorstellung von Zukunftsmöglichkeiten bei Jugendlichen
  • Profiling und Eignungseinschätzung der Jugendlichen
  • Überleitung von Jugendlichen in für sie passende Maßnahmen
  • den Verweis einzelne Jugendliche an andere Stellen (Kompetenzagentur, Jugendhilfe, Träger).

Die Übergangscoaches sollen nicht

  • Schulsozialarbeit ersetzen
  • berufsorientierenden Unterricht durchführen
  • intensive Einzelbetreuung durchführen (mehr als 5 Gespräche)
  • Härtefälle betreuen.

Die Aufgaben der Koordination im Kreis sind:

  • Projektsteuerung
  • Abstimmung der Arbeit der Coaches mit anderen Maßnahmen des Kreises (wie Berufsparcours), mit der Schulentwicklungsplanung, der Schulverwaltung und anderen Projekten
  • Abstimmung der Beratungsinhalte mit Wirtschaft, Wirtschaftsförderung und Jugendhilfe
  • Sicherung eines einheitlichen Qualitätsniveaus und eines einheitlichen Rollenverständnisses der Coaches durch Zielvereinbarungen und Besprechungsroutinen
  • Durchführung einzelner ergänzender Maßnahmen wie z. B. des Kompetenzchecks, Seminare („Respect“) oder Maßnahmen zur Erhöhung der Ausbildungsreife („Praxisnahes Rechnen“)
  • Informationsmakler – hierzu müssen regelmäßige Abstimmungsroutinen mit den anderen Akteuren eingeführt werden
  • Qualitätsprüfung für Projekte und Maßnahmen durchführen (Projekt-TÜV)
  • Fortbildung anbieten
  • Dokumentation, Evaluation
  • Im Projekt festgestellte Schwachstellen beheben.

In der größten Stadt des Kreises, Gütersloh mit nahe 100.000 Einwohnern, besteht mittlerweile eine Anfrage der Realschulen, das Projekt auf sie auszudehnen, da der Übergang von Realschulen in die duale Ausbildung rapide sinkt. Für ein systematisches Übergangsmanagement in Gütersloh, das ebenfalls und zusätzlich vom Kreis beschlossen wurde, sind die nächsten Aufgaben also bereits klar umrissen. Mehrere Arbeitsgremien sind beschlossen worden, so besteht jetzt ein Arbeitskreis der Gesamtschulen zur Verbesserung des Übergangs ebenso wie sich aus der Arbeit der selbständigen Schulen ein Arbeitskreis gegründet hat, der 2008 seine Arbeit aufnimmt. Fokussiert wird auch die Verbesserung der Datenlage – die Einführung des zentralen Übergangsmanagements auf die Berufskollegs des Kreises läuft derzeit über „Schüler online“, das die notwendigen Steuerdaten erbringen wird.