Wohnungslosigkeit

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Wohnungslos ist, wer nicht in einer durch Mietvertrag oder Eigentum abgesicherten Wohnung lebt.

Definitionen[Bearbeiten]

Der Begriff der Wohnungslosigkeit umfasst verschiedene Notlagen und Ursachen. Nach Darstellung der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG W)[1] können dabei folgende Personengruppen unterschieden werden:

  • im ordnungsrechtlichen Sektor
    • die aufgrund ordnungsrechtlicher Maßnahmen ohne Mietvertrag, d. h. lediglich mit Nutzungsverträgen in Wohnraum eingewiesen oder in Notunterkünften untergebracht werden
  • im sozialhilferechtlichen Sektor
    • die ohne Mietvertrag untergebracht sind, wobei die Kosten nach Sozialgesetzbuch XII und/oder SGB II übernommen werden
    • die sich in Heimen, Anstalten, Notübernachtungen, Asylen, Frauenhäusern aufhalten, weil keine Wohnung zur Verfügung steht
    • die als Selbstzahler in Billigpensionen leben
    • die bei Verwandten, Freunden und Bekannten vorübergehend unterkommen
    • die ohne jegliche Unterkunft sind, "Platte machen"
  • im Zuwanderersektor
    • Aussiedler, die noch keinen Mietwohnraum finden können und in Aussiedlerunterkünften untergebracht sind.

Längst nicht alle Wohnungslosen sind also zugleich auch obdachlos. Der Anteil der Wohnungslosen, die tatsächlich ohne Unterkunft sind, wird auf etwa 6% geschätzt.

Weiter gefasst ist der Begriff des Wohnungsnotfalls. Als solcher gilt auch, wer von Wohnungslosigkeit bedroht ist oder in unzumutbaren Wohnverhältnissen lebt. Von Wohnungslosigkeit bedroht ist, wem der Verlust der derzeitigen Wohnung unmittelbar bevorsteht wegen Kündigung des Vermieters/der Vermieterin, einer Räumungsklage (auch mit nicht vollstrecktem Räumungstitel) oder einer Zwangsräumung, oder wem der Verlust der derzeitigen Wohnung aus sonstigen zwingenden Gründen unmittelbar bevorsteht (z. B. aufgrund von eskalierten sozialen Konflikten, Gewalt geprägten Lebensumständen oder wegen Abbruch des Hauses). Anerkannte Asylbewerber in Notunterkünften zählen im Sinne der Definition zwar zu den Wohnungsnotfällen, wurden aber bisher bei den Wohnungslosenzahlen nicht berücksichtigt. Seit 2016 zählt die BAG W diese jedoch bei den Schätzungen zur Zahl der Wohnungslosen mit.

Daten und Prognosen[Bearbeiten]

Grafik: Entwicklung der Wohnungslosigkeit nach Schätzung der BAG W

Über die Anzahl der Wohnungsnotfälle und der Wohnungslosigkeit in Deutschland gibt es keine amtliche Statistik oder offizielle Berichterstattung.[2] Daher veröffentlicht die BAG W regelmäßig eigene Schätzungen und fordert zugleich, das Thema der Wohnungslosigkeit in die Sozialberichterstattung der Bundesregierung aufzunehmen. Die Schätzungen der BAG W beruhen auf Beobachtung der Veränderungen des Wohnungs- und Arbeitsmarktes, der Zuwanderung, der Sozialhilfebedürftigkeit sowie regionaler Wohnungslosenstatistiken und eigenen Blitzumfragen.

Danach gab es im Jahr 2016 in Deutschland

  • etwa 860.000 Fälle von Wohnungslosigkeit (2012: 284.000),
  • etwa 52.000 Obdachlose (2012: 26.000).

Alarmierend ist, dass alle diese Zahlen seit Beginn der Wirtschaftskrise wieder ansteigen, nachdem sie in den Jahren zuvor kontinuierlich gesunken waren. Tatsächlich hatte sich die Zahl der Wohnungslosen zwischen 2000 und 2008 fast halbiert, dieser Trend kehrt sich seitdem jedoch um. Bei Fortschreibung der aktuellen Trends prognostiziert die BAG W für 2018 eine Zahl von bis zu 1,2 Mio. wohnungslosen Menschen in Deutschland.[3]

Folgende Gründe werden für diesen Anstieg genannt:

  • Der Bestand an Sozialwohnungen schrumpft beständig,
  • Bund, Länder und Gemeinden haben eigene Wohnungsbestände an Private verkauft (privatisiert),
  • besonderer Mangel an Kleinwohnungen - bundesweit fehlen ca. 11 Mio. Ein- und Zweizimmerwohnungen,
  • verfestigte Armut der untersten Einkommensgruppen,
  • Mangel an Fachstellen zur Verhinderung von Wohnungsverlusten
  • Krise im ordnungsrechtlichen Unterkunftssektor.[4]

Baden-Württemberg erstellt eigene Studie[Bearbeiten]

Das Land Baden-Württemberg hat 2015 eine eigene Studie zur Wohnungslosigkeit im Bundesland veröffentlicht. Danach gab es zum Stichtag 1. Oktober 2014 im Land 22.789 wohnungslose Personen, von denen ca. zwei Drittel ordnungsrechtlich untergebracht waren. Diese Zahl dürfte seitdem weiter angestiegen sein.

Bayern plant Stiftung für Maßnahmen gegen Obdachlosigkeit[Bearbeiten]

Anfang Juli 2018 trafen sich Vertreter/innen der bayerischen Landesregierung, der Kirchen, der Kommunen, der Wohlfahrtspflege und der Bahnhofsmission zu einem runden Tisch. Anschließend gab die Landesregierung bekannt, dass eine gemeinsame Stiftung zur Finanzierung von Hilfsmaßnahmen gegründet werden soll. Forderungen der Wohlfahrtsverbände nach verlässlichen Statistiken zur Anzahl der Obdachlosen in den Kommunen werden von der Landesregierung ebenso abgelehnt wie die Einrichtung von Fachstellen zur Verhinderung von Wohnungs- und Obdachlosigkeit, die die SPD im Landtag im Frühjahr 2018 beantragt hatte.[5]

Fußnoten[Bearbeiten]

  1. vgl. BAG-W, Wohnungsnotfälle
  2. Die Bundesregierung hält diese auf Bundesebene nicht für sinnvoll und verweist auf die Zuständigkeit von Ländern und Kommunen; vgl. Deutscher Bundestag, Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, Drucksache 18/5654 vom 28.07.2015.
  3. BAG W: Zahl der Wohnungslosen
  4. Vgl. vorangehende Fußnote
  5. Bayerischer Rundfunk: Kommunen fordern mehr Hilfe für mehr Obdachlose, 26.07.2018; Süddeutsche Zeitung, Regierung plant Stiftung für Obdachlosenhilfe, 26.07.2018; Welt, Großstädte fordern mehr Unterstützung für Obdachlose, 26.07.2018, mit Angaben zur Situation in einzelnen Städten

Literatur und Weblinks[Bearbeiten]

  • Bundeszentrale für politische Bildung: Wohnungslosigkeit, Aus Politik und Zeitgeschichte 25-26/2018, Juni 2018, 48 Seiten, kostenlos zu bestellen oder zum Download (pdf- oder epub-Format)
  • Gesellschaft für innovative Sozialforschung und Sozialplanung e.V. im Auftrag des Ministeriums für Arbeit und Sozialordnung, Familie, Frauen und Senioren Baden-Württemberg: Wohnungslosigkeit in Baden-Württemberg. Untersuchung zu Umfang, Struktur und Hilfen für Menschen in Wohnungsnotlagen (2015, pdf-Format, 143 Seiten)

Siehe auch[Bearbeiten]