Arbeitsverdichtung im Fahrdienst als Folge der Restrukturierung im ÖPNV

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Die kommunalen Verkehrsunternehmen haben sich in den vergangenen Jahren erfolgreich umstrukturiert und ihre Kosten gesenkt. In den meisten Fällen haben sie dadurch erreicht, dass ihre kommunalen Eigentümer ihnen die Bedienung der Strecken auf dem Weg der Direktvergabe überlassen haben. Damit konnten weitere Privatisierungen im öffentlichen Nahverkehr vielfach vermieden werden.

Die Kehrseite der Medaille ist: Die Kostensenkungen wurden im Wesentlichen bei den Personalkosten erreicht; hierbei war das Fahrpersonal am stärksten betroffen. Vor allem für neu eingestellte FahrerInnen wurden die Einkommen deutlich abgesenkt. Gleichzeitig haben sich die Arbeitsbedingungen des Fahrpersonals verschlechtert.

Zu diesen Ergebnissen kommt die Untersuchung „Arbeitsverdichtung im Fahrdienst als Folge der Restrukturierung im ÖPNV“ der Hans-Böckler-Stiftung, die am 5. März 2012 veröffentlicht wurde. Die Stiftung hat hierzu beispielhaft in fünf kommunalen ÖPNV-Unternehmen untersucht, wie sich der Rationalisierungsdruck auf die Arbeitsbedingungen und das Arbeitsleben der Fahrerinnen und Fahrer ausgewirkt hat. Hieran schlossen sich Fragen zu den gesundheitlichen Folgen und das Sozialklima in den Unternehmen. Die Untersuchung basiert auf Interviews mit Fahrerinnen und Fahrern, mit Verantwortlichen für die Dienstplanung sowie mit Betriebsräten und den Arbeitsdirektoren. Die Ergebnisse wurden mit arbeitswissenschaftlichen Erkenntnissen sowie mit den Vorstellungen des Unternehmensverbandes VDV und des DGB über „Arbeitsqualität“ bzw. „Gute Arbeit“ abgeglichen.

Nur bei einem der fünf untersuchten Unternehmen blieb die Zahl der Beschäftigten im Fahrdienst stabil. In den anderen sank sie um gut 10 bis über 40 Prozent, zum Teil auch durch Fremdvergaben an Billiganbieter. Für die Fahrer bedeutet das längere Arbeitszeiten und noch straffere Betriebsabläufe - damit sei eine ohnehin schon anstrengende und verantwortungsvolle Tätigkeit im Schichtdienst noch deutlich belastender geworden, so der Autor der Studie, Hubert Resch.

Unter dem Strich, so Resch, sähen viele Fahrer "die Schmerzgrenze nicht nur als erreicht an, sondern zum Teil bereits als überschritten". Schon vor den Rationalisierungen hielt ein relativ hoher Anteil den Fahrjob gesundheitlich nicht durch, 10 bis 20 Prozent mussten vorzeitig ausscheiden. "Die Fahrdienstuntauglichkeit und die schon heute mit Krankenständen um die 10 Prozent hohe Krankenquote dürften mittelfristig zunehmen", schätzt Resch.

Der ÖPNV-Fachmann macht verschiedene Vorschläge, um die Arbeitssituation im Fahrbetrieb zu verbessern. Dazu zählen Verbesserungen in der Dienstplangestaltung, durch die beispielsweise mehr komplett dienstfreie Wochenenden erreicht werden sollen. Zudem ließen sich einseitige Belastungen reduzieren, wenn mehr Fahrer zur "Fachkraft im Fahrdienst" weitergebildet werden. Beschäftigte mit dieser Qualifikation können sowohl am Steuer als auch in der Verwaltung und in der Werkstatt arbeiten. Parallel dazu hält Resch kürzere Arbeitszeiten für Fahrer im Volleinsatz für sinnvoll. Schließlich empfiehlt der Experte, den gestiegenen Wettbewerb im Nahverkehr durch einen Katalog von Sozialstandards zu regulieren. Dieser solle für öffentlich wie private Unternehmen gelten.

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