Segregation

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Angesichts der wieder zunehmenden sozialen Ungleichheit und relativ hoher Migrationsraten ist es in den meisten europäischen Städten zu einer deutlichen räumlichen Konzentration sozial benachteiligter und ethnischer Gruppen gekommen. Mit dem von dem amerikanischen Soziologen Robert Ezra Park Mitte der 20er Jahre geprägten Begriff der "residentiellen Segregation" umschreibt die stadtsoziologische Forschung die Verräumlichung sozialer Ungleichheit. Die von Stadtplanern und KommunalpolitikerInnen an die Adresse der Wissenschaft gerichteten Fragen lauten diesbezüglich vor allem: Wie sieht eine "richtige" Bevölkerungsmischung aus, die krasse gesellschaftliche Desintegration vermeidet? Gibt es einen "tipping point" (Umschlagpunkt), von dem an die akzeptable Relation zwischen unterschiedlichen Sozialgruppen in eine inakzeptable (soziale Brennpunktbildung) umkippt? Wie ließe sich letzteres vermeiden bzw. soll es überhaupt vermieden werden, oder wäre es nicht gar besser, wenn spezifische soziale Gruppen in einem engen räumlichen Kontext in der Stadt siedeln?

Stadt als Abbild der Gesellschaft[Bearbeiten]

Überwiegend wird heute davon ausgegangen, dass die Konzentration bestimmter sozialer Gruppen in entsprechenden Stadtquartieren ein räumliches Abbild der sozialen Ungleichheit in der Gesellschaft ist. Zu Beginn der 90er Jahre kam mit der Kultursoziologie Pierre Bourdieus neben den "Raum der sozialen Positionen" noch der "Raum der Lebensstile" als weiteres Differenzierungsmerkmal hinzu. Bourdieu fasst die mit der Segregation verbundenen sozialen Distinktionen unter drei Aspekten zusammen: Situationsrendite (Nähe bzw. Ferne zu erwünschten bzw. unerwünschten Dingen wie Ruhe oder Trubel, Sicherheit oder Nachtleben), Raumbelegungsprofite (Wohnraumqualität, unverstellbarer Blick) und Rangprofite (eine gute Adresse haben, symbolisches Kapital präsentieren durch großen Garten). Durch Segregation wird die Situation benachteiligter städtischer Quartiere noch verschärft; die dortigen Wohnumfeldbedingungen tragen zusätzlich zur sozialen Benachteiligung bei.

Rein theoretisch lässt sich eine vollkommen segregierte Stadt denken, in deren einzelnen Vierteln streng homogene Bevölkerungsgruppen mit einer weitgehend angeglichenen Sozial- und Baustruktur leben, sog. "natural areas". Die Segregationsforschung untersucht dabei, bis zu welchem Grad eine solche Segregation erfolgt ist, welche Indikatoren sozialer Segmentation konstatiert werden können und wie sich diese (Sozialstatus, Bildung, Einkommen, Beruf, Hautfarbe, Staatszugehörigkeit, Alter, Familienstand, etc.) an bestimmten Wohnstandorten als Abweichung vom städtischen Durchschnitt geltend machen.

Ursachen[Bearbeiten]

Hinsichtlich der Ursachen der Segregation gibt es verschiedene Theorien. Der polit-ökonomische Ansatz (Häußermann/Siebel) stellt die Konzentration von Marginalisierten, welche als Verlierer im Zuge der Globalisierung angesehen werden, in das Zentrum seiner Überlegungen. Nach Häußermann/Siebel kommt es zu einer "Dreiteilung" der modernen Stadt: Erstes Segment ist die international wettbewerbsfähige Stadt mit entsprechenden Wirtschafts- und Kultureinrichtungen, zweites Segment ist die normale Arbeits-, Versorgungs- und Wohnstadt für die (überwiegend) deutsche Mittelschicht, drittes Segment ist die marginalisierte Stadt der Randgruppen (Arbeitslose, Sozialfälle, Ausländer, Drogenabhängige, Beschäftigte in den Grauzonen des Arbeitsmarktes). Die solchermaßen vorgenommene Hierarchisierung städtischer Räume darf aber nicht als starr und unumkehrbar angenommen werden. Bestes Gegenbeispiel wäre die "Gentrifikation", also eine sozio-ökonomische Aufwertung innerstädtischer Wohnlagen, die einst durch soziale Umbrüche "heruntergekommen" waren, durch Wiederbelebung und Zuzug statushöherer Sozialgruppen.

Differenzierte Bewertung[Bearbeiten]

Bei der Analyse und Beschreibung von Segregationsprozessen und Spaltungslinien der modernen Stadtgesellschaften wäre nach ökonomischen (Eigentum und Vermögen, berufliche Position auf dem Arbeitsmarkt, Einkommen), sozialen (Einheimische/Zuwanderer, Bildung) und kulturellen (Religion, Kulturkreis, Anbindung an gewünschte Lebensstile) Kriterien zu differenzieren. Die aktuelle Diskussion geht dahin, die residentielle Segregation hinsichtlich ihrer Vor- und Nachteile zu reflektieren. Abstrakter Konsens besteht darin, eine "unfreiwillige" Segregation, die sich rein marktwirtschaftlichen oder dirigistischen Zwängen verdankt, abzulehnen, eine "freiwillige" jedoch zu akzeptieren. Z. B. werden unter dieser Prämisse stark ausländerdominierte Wohnviertel nicht abgelehnt, wenn dorthin ein freiwilliger Zuzug aus Gründen des Zusammengehörigkeitsgefühls von Ethnien erfolgt ist.

Die Gegenposition insistiert stärker auf der gesellschaftlichen Integration, die bei starker Segregation als gefährdet betrachtet wird. Gefordert werden kommunalpolitische Bemühungen um eine "sozialverträgliche Stadterneuerung". Als Problem wird hier auch benannt, dass die Kriterien einer "anständigen" Integration von jenen definiert werden, die selbst lieber wegziehen und sich in einer ihrem Status gemäßen Wohnlage ansiedeln.

Literatur[Bearbeiten]

  • Marcel Helbig, Stefanie Jähnen: Wie brüchig ist die soziale Architektur unserer Städte? Trends und Analysen der Segregation in 74 deutschen Städten, Discussion Paper (Wissenschaftszentrum Berlin, pdf-Format, 207 Seiten)
  • Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung: Kurzbericht Wie sich Menschen mit niedrigen Löhnen in Großstädten verteilen. Eine räumliche Analyse für Deutschland (pdf, 8 Seiten)
  • Hartmut Häußermann (Hrsg.): Großstadt – Soziologische Stichworte; Opladen 1998, Leske+Budrich, ISBN 3-8100-2126-1
  • Jürgen Friedrichs (Hrsg.): Die Städte in den 90er Jahren – Demographische, ökonomische und soziale Entwicklung; Opladen/Wiesbaden 1997, Westdeutscher Verlag, ISBN 3-531-13052-8
  • Jens S. Dangschat: Sag mir wo du wohnst, und ich sag Dir wer Du bist; in «Prokla» Nr. 109/1997, S. 619-647
  • Jens S. Dangschat: Segregation – Indikator für Desintegration?, in: Journal für Konflikt- und Gewaltforschung Vol. 6, Heft 2: 6-31
  • Wilhelm Heitmeyer, Rainer Dollase, Otto Backes (Hrsg.): Die Krise der Städte. Analysen zu den Folgen desintegrativer Stadtentwicklung für das ethnisch-kulturelle Zusammenleben; Ffm. 1998, Edition Suhrkamp Nr. 2036