Service Learning an Schulen für kommunale Bedarfe nutzen

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Was Service Learning ist[Bearbeiten]

„Was kannst Du gut, was Anderen nützt?“ – Ausgehend von dieser Frage setzen sich Kinder und Jugendliche bei dem Lehr- und Lernkonzept Service Learning aus der Schule oder Hochschule heraus für die Gemeinschaft ein und verknüpfen Unterricht mit Engagementprojekten unterschiedlichster Art. Sie haben dabei immer auch den Blick auf den konkreten gesellschaftlichen Bedarf im Umfeld. Ein Projekt für geflüchtete Menschen lässt sich im Unterricht gut mit dem Thema Migration verbinden. Ihr Wissen aus BWL und Rechnungswesen können Schüler bei einem Engagement für ein Sozialkaufhaus einsetzen. Bei der Umsetzung ihrer Projekte können sie gelerntes Wissen anwenden und persönliche Kompetenzen weiterentwickeln. Junge Menschen sammeln so außerschulische Lernerfahrungen. Sie erleben, dass sie gebraucht werden, erfahren Anerkennung und erhalten für ihr Engagement besondere Zertifikate. Die Engagementprojekte werden im Stundenplan verankert und tragen dazu bei, demokratische Kompetenzen und Einstellungen bei Kindern und Jugendlichen zu fördern.[1]

"sozialgenial" in NRW und Hessen[Bearbeiten]

Das mitgliederstärkste Service-Learning-Programm in Deutschland ist "sozialgenial – Schüler engagieren sich" der Stiftung Aktive Bürgerschaft. Seit dem Start im Jahr 2009 haben bei sozialgenial in mehr als 2600 Projekten über 100.000 Schülerinnen und Schüler an über 700 Schulen in Nordrhein-Westfalen und Hessen mitgewirkt. Das Service-Learning-Programm sozialgenial entstand auf Initiative der WGZ Bank (heute DZ Bank) und wird unterstützt vom Ministerium für Schule und Bildung des Landes Nordrhein-Westfalen und dem Hessischen Kultusministerium. Lag der Schwerpunkt des Schüler-Engagements zunächst in Senioreneinrichtungen, Kitas und sozialen Initiativen, so hat sich das Engagement in den letzten Jahren auf den Umwelt- und Ressourcenschutz und die Beteiligung an Projekten der Quartiersentwicklung ausgeweitet.

Wie Service-Learning-Projekte die Quartiersentwicklung unterstützen[Bearbeiten]

Service Learning hilft, Themen zu platzieren, Schülerinnen und Schüler mit lokalen Akteuren im Umweltschutz in Kontakt zu bringen, Fragen rund um Ökologie und Klimaschutz zu besprechen, verantwortungsvolles Handeln und konkrete Mitgestaltung zu fördern.

Stadt- bzw. Gemeinderäte können für Schulen und deren Schüler Ansprechpartner und Türöffner für Ausschüsse und für die Verwaltung einer Kommune sein. Sie können helfen, dass Schüler an Planungen in der Kommune beteiligt werden, früh demokratische Mechanismen erleben und anwenden lernen. Es ist eine Mitwirkung an Realprojekten, jenseits von Planspielen. Service-Learning-AGs können gezielt zu Stadtviertelkonferenzen eingeladen werden. Dies hat den Vorteil, dass sich die Schüler ein Bild von den verschiedenen Unterstützungsbedarfen im Quartier machen und selbst ihre Engagementschwerpunkte setzen können. Dieses Vorgehen fördert die intrinsische Motivation der Schüler und stärkt deren Bereitschaft zur Partizipation. Der Austausch über Daten, Beobachtungen und Erfahrungen im Stadtteil kann zu weiteren gemeinsamen Projekten anregen. Schüler, die in ihrem Service-Learning-Projekt einen konkreten Bezug zu Themen des Umwelt-/Planungsausschusses haben, können zu einer Ausschusssitzung eingeladen werden, um Ergebnisse ihrer Bedarfsanalyse oder konkrete Vorstellungen zur Quartiersgestaltung zu präsentieren. Einladungen zu Gesprächen mit dem Quartiersmanagement nehmen Service-Learning-Gruppen gerne an, zumal die Aufgaben des Quartiersmanagements unter anderem darin bestehen, Bewohnern zu Angeboten, Anlaufstellen, Beratungseinrichtungen und Projekten im Stadtteil entsprechende Kontakte herzustellen und sie mit anderen aktiven Menschen aus dem Stadtteil und betreffende kommunale Stellen zusammenzubringen.

Ob Klimaschutz, Artenvielfalt oder Mobilität - zu jedem dieser Bereiche kann Service Learning in den Kommunen einen Beitrag leisten. Drei Beispiele:

  1. Die Schülerinnen und Schüler eines Gymnasiums in Paderborn haben sich über einen Zeitraum von einem halben Jahr mit dem Thema Klimaschutz in unterschiedlichen Projektgruppen beschäftigt. So hat sich eine Gruppe zum Beispiel darum bemüht, dass in der Schulcafeteria nun auch Getränke in Pfandbechern ausgegeben werden, eine andere Gruppe hat Bäckereien im Ort über das System Cupforcup informiert und es geschafft, dass sich zumindest schon eine Bäckerei dem System angeschlossen hat. Höhepunkt war der Umweltaktionstag der Schule. Dieser Tag stand ganz im Zeichen des Klimaschutzes. Schülerinnen und Schüler hatten eine Ausstellung aufgebaut mit Plakaten, Spieleständen, Informationsständen und selbsterstellten Filmen. Parallel hatten Kinder der Jahrgangstufe 6 während des Unterrichts die Möglichkeit ihren CO<low>2</low>-Fußabdruck unter Betreuung der Umwelt-AG zu erstellen. Das Projekt ist sowohl im Rahmen des Religionsunterrichts als auch im Freizeitbereich entstanden und war mit den Fächern Kunst, Deutsch und WEP (Word, Excel, Powerpoint) verknüpft. Zudem haben die Schüler mit dem Abfallentsorgungs- und Stadtreinigungsbetrieb Paderborn Kontakt aufgenommen, um Informationen zu erhalten, und mit dem Citymanager bezüglich des Systems Cupforcup zusammengearbeitet.[2]
  2. Die Anlage einer Wildblumenwiese und die Einrichtung einer Schulimkerei stehen im Mittelpunkt eines Service-Learning-Projektes im Odenwald. Schüler hatten nach einer schlechten Apfelernte die Vermutung, dass der Rückgang der Bienen eine Ursache für das Problem ist. Im Fach Biologie ließ sich das Thema Artensterben so mit konkreten Beobachtungen verbinden und motivierte die Schülerinnen und Schüler, eine eigene Schulimkerei aufzubauen. Die Erfahrungen des örtlichen Imkervereins wurden genutzt. Mit dem erworbenen Wissen sind die Schüler auch zu Botschaftern für Artenvielfalt und Bienen in ihrer Gemeinde geworden.[3]
  3. Den Schulweg sicherer machen und das „Elterntaxi“ zurückdrängen, das beabsichtigten Schülerinnen und Schüler eines Berufskollegs in Hamm. Sie verbesserten mit verschiedenen Aktionen die Verkehrssicherheit und Attraktivität des Schulwegs für die Schüler einer benachbarten Grundschule. Ihr konkretes Ziel: Weniger Gefahr, mehr Spaß und Bewegung auf dem Schulweg, damit die Kinder zu Fuß zur Schule gehen, statt von den Eltern mit dem Auto gebracht zu werden. Die Idee kam den Schülern im Rahmen des Modell-Projektes „Quartier in Bewegung“ der Landesregierung Nordrhein-Westfalen, an dem sie sich beteiligten. Unterstützung bekamen sie vom Stadtplanungsamt der Stadt Hamm, von der Polizei der Stadt Hamm, der benachbarten Grundschule und dem Stadtteilbüro. Das Berufskolleg versteht es als einen wesentlichen Baustein der schulischen Bildung, dass sich ihre Schüler als mündige Bürger begreifen und sich für die Gesellschaft engagieren. Der Kurs „sozialgenial“ an ihrer Schule gibt ihnen die Möglichkeit dazu. Als Wahlpflichtkurs im Differenzierungsbereich ist er fest im Stundenplan verankert und bietet Schülerinnen und Schülern jedes Schuljahr aufs Neue die Chance, sich zu engagieren.[4]

Die Service-Learning-Projekte zeigen, dass es wichtig ist, den Schulen nicht nur die Beteiligung an der Quartiersentwicklung anzubieten, Verwaltungsstellen und Initiativen auf Unterstützungsformen des Service Learning einzustimmen, sondern auch den engagierten Schülern Wertschätzung und Dank für das gebotene Engagement entgegenzubringen.

Nutzen für die Kommune und für die Kommunalpolitik[Bearbeiten]

Service Learning bietet Kommunen wie auch Kommunalpolitikern vielfältigen Nutzen. So lassen sich durch die Einbindung von Service-Learning-Projekten verschiedene Anliegen der Kommune unterstreichen, z.B. die Mobilitätsförderung, das Zusammenleben der Generationen oder der Naturschutz und die Ressourcenschonung. Es besteht mit Service Learning ein guter Ansatz, um eine bedarfsorientierte Jugendbeteiligung mit Demokratielernen zu verbinden und die Schüler zur Verantwortungsübernahme und zu gesellschaftlichem Engagement zu motivieren. Den eigenen Beitrag zur Gestaltung des Stadtteils oder Dorfes vor Augen, wird bei den Jugendlichen nicht zuletzt auch die Identifikation mit dem Umfeld und den gesellschaftlichen Aufgaben gestärkt.

Der Beitrag der Stiftung Aktive Bürgerschaft[Bearbeiten]

Im Rahmen von sozialgenial berät und unterstützt die Stiftung Aktive Bürgerschaft Lehrer, Schulsozialarbeiter und Schulleiter an Schulen der Sek. I und II in Nordrhein-Westfalen und Hessen bei der Umsetzung von Service-Learning. Mit Informationen, Anleitungen und Checklisten, Arbeitsblättern und Vorlagen ermöglicht sie unentgeltlich Lehrern und Schulsozialarbeitern die eigenständige Umsetzung von Projekten. Mehrmals jährlich bietet die Stiftung anerkannte Lehrerfortbildungen zu diesem Lehr-Lern-Konzept an. All diese Angebote und Arbeitshilfen sind zugänglich über das sozialgenial-Portal.

Fußnoten[Bearbeiten]

  1. Zur Vertiefung und für erste praktische Schritte siehe: Stiftung Aktive Bürgerschaft, sozialgenial Wegweiser und Matierialbox für Nordrhein-Westfalen und Hessen (2017, pdf-Format, 28 Seiten)
  2. Mehr zu diesem Projekt: Gymnasium Schloß Neuhaus: Das Projekt GSN invents FUTURE
  3. Mehr zu diesem Projekt: Stiftung Aktive Bürgerschaft, Bienen - ein Schwarm für alle
  4. Mehr zu diesem Projekt: Stiftung Aktive Bürgerschaft, Sicher auf dem Schulweg

Literatur[Bearbeiten]

  • Aktive Bürgerschaft e.V. (Hrsg.): Wirkungsstudie Service Learning. Wie lassen sich Unterricht und Bürgerengagement verbinden? Zentrale Ergebnisse aus sozialgenial-Schulprojekten und Handlungsempfehlungen (Berlin, 2013; Download im pdf-Format, 24 Seiten)
  • Biedermann, Christiane, u.a.: Engagementförderung und Herausforderungen. Bericht über eine Fachveranstaltung der Stiftung Aktive Bürgerschaft am 23.3.2018 in Berlin. In: npoR. Zeitschrift für das Recht der Non Profit Organisationen. 10(4), 189 f. (2018, Download im pdf-Format, 5 Seiten)
  • Fricke, Michael, Kuld, Lothar, Sliwka, Anne (Hrsg.): Konzepte sozialer Bildung an der Schule. Compassion – Diakonisches Lernen – Service Learning. (Waxmann Verlag Münster 2018, 252 Seiten, 29,90 €, ISBN 978-3-8309-3884-2; Verlagsinformation sowie Inhaltsverzeichnis und Leseprobe)
  • Jörg Ernst: Service-Learning-Programm „sozialgenial – Schüler engagieren sich“ unterstützt Quartiersentwicklung. In: Eildienst 1/2019, hrsg. vom Städtetag Nordrhein-Westfalen. S. 8 f.
  • Huth, Susanne: Teilhabe durch Engagement. Studie zum zivilgesellschaftlichen Engagement von Schüler_innen und Studierenden unter besonderer Berücksichtigung des Engagementkontextes Hochschule. Studie der INBAS-Sozialforschung GmbH im Auftrag der Stiftung Mercator GmbH (Essen 2018, pdf-Format, 148 Seiten)
  • Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg (Hrsg.): Studie Kommunale Kinder- und Jugendbeteiligung in Baden-Württemberg 2018 (Stuttgart 2018, pdf-Format, 99 Seiten, auch kostenlos als Print zu bestellen)
  • Reinders, Heinz (2016): Service Learning – Theoretische Überlegungen und empirische Studien zu Lernen durch Engagement (Weinheim und Basel 2016, 206 Seiten, ISBN 978-3-7799-3380-9, auch zum Download im pdf-Format, 146 Seiten)
  • Stiftung Aktive Bürgerschaft (Hrsg.): Wegweiser sozialgenial-Materialbox, 2., überarb. Aufl., Berlin 2017
  • Thönnessen, Nils (2016): GeographielehrerInnen erproben Service Learning. Empirische Rekonstruktion von Bewertungsmustern, Akzeptanzkomponenten und Gelingensbedingungen für einen gemeinwohlorientierten Geographieunterricht. Inaugural-Dissertation zur Erlangung des Doktorgrades der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln (Düren 2016; Abstract mit Link zum Download der Dissertation, pdf-Format, 248 Seiten)
  • Zimmer, Annette, Backhaus-Maul Maul: Engagementförderung vor Ort – Was gilt es in den Blick zu nehmen? Eine Arbeitshilfe für lokale Entscheidungsträger (Münster 2012; pdf-Format, 59 Seiten)
  • Siemens Stiftung und Freudenberg-Stiftung (Hrsg.): Service-Learning in den MINT-Fächern. Lernen durch Engagement für einen wertebildenden Unterricht (München und Berlin 2016; pdf-Format, 48 Seiten); siehe dazu auch die Handreichung „Service-Learning in den MINT-Fächern” im Medienportal für den MINT-Unterricht der Siemens-Stiftung.

Weblink[Bearbeiten]


  Autor: Dr. Jörg Ernst, Stiftung Aktive Bürgerschaft