Zukunftswerkstatt

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In der bereits in den 60er Jahren entwickelten Zukunftswerkstatt geht es darum, Betroffene zu Beteiligten zu machen und die Erfahrungen und Kreativität der Teilnehmerinnen und Teilnehmer produktiv zu nutzen.

Einleitung[Bearbeiten]

Die Zukunftswerkstatt ist im deutschsprachigen Raum eine der bekanntesten und im Bereich der wenig formalisierten Beteiligungsprozesse am häufigsten angewandte Methode und bildet die Basis für viele „neuere“ Methoden[1]. Robert Jungk und Norbert R. Müllert sehen in der Zukunftswerkstatt eine Methode, die die Bürgerinnen und Bürger gerade in der entscheidenden Anfangsphase jedes Veränderungsprozesses integriert und damit eine demokratische Lücke schließt[2]: „Ziel der Arbeit in Zukunftswerkstätten ist, jede einzelne interessierte Bürgerin oder jeden einzelnen interessierten Bürger in die Entscheidungsfindung mit einzubeziehen, die sonst nur Politikerinnen und Politikern, Expertinnen und Experten und Planerinnen und Planern vorbehalten ist“[3].

Aufbau einer Zukunftswerkstatt[Bearbeiten]

Der Aufbau der Methode umfasst drei Phasen[4]. 1. in der Kritikphase sollen sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer über kreative Elemente (z. B. Sketche, Collagen etc.) auf das Thema einstimmen. 2. in der Phantasiephase sollen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer Zukunftsvisionen entwerfen. Die Realität wird zunächt zurückgestellt. 3. in der Realisierungsphase werden dann die Visionen mit der Realität konfrontiert und nach Lösungen der Umsetzung gesucht.

5 Typen von Zukunftswerkstätten

Im Laufe der Zeit hat sich das Konzept immer weiter entwickelt und insbesondere die erste Phase wurde weiter differenziert, so dass neue Formen der Zukunftswerkstatt jetzt insgesamt sieben Phasen umfassen[5]: 1. Vorbereitungsphase: Klärung der Ziele, Fragestellungen und Vereinbarungen 2. Einstiegs- und Orientierungsphase: Soziales, räumliches und thematisches Ankommen und methodisches Hineinfinden 3. Wahrnehmungsphase: Was ist? und warum ist es so? 4. Phantasiephase: Entwicklung von Visionen 5. Umsetzungsphase: Verwirklichung prüfen und vorbereiten 6. Reflexion: Bilanz und Perspektiven 7. Permanente Werkstatt: Beratung und Begleitung, Projekt und Organisationsentwicklung

Bei der Methode der Zukunftswerkstätten haben sich mehrere Varianten ausdifferenziert, die für ein breites Spektrum von Problem- und Handlungsfeldern genutzt werden können[6]. In der Praxis lassen sich fünf Ausprägungen von Zukunftswerkstätten beschreiben. (siehe Grafik)


Bilanz[Bearbeiten]

Die Vertreterinnen und Vertreter der Zukunftswerkstatt bilanzieren ihre bisherigen Ergebnisse positiv: „Wo immer solche Zukunftswerkstätten abgehalten wurden, war das Interesse lebhafter als bei üblichen Veranstaltungen. ... Ihre schlummernde Kreativität wurde endlich gefordert, geweckt und zur Entfaltung gebracht. ... Wie wir immer wieder erfahren haben, gingen die Beteiligten im Bewusstsein nach Hause, Beiträge zu einer besseren Zukunft geleistet zu haben, für die sie nun aktiv eintreten konnten“[7].

Die Autoren gehen zudem davon aus, dass in den Zukunftswerkstätten wesentlich zutreffendere Bilder von dem, „was die Leute wirklich wollen“, entstehen als bei Meinungsumfragen[8].

Ein weiterer Vorteil der Zukunftswerkstatt ist der vorgegebene strukturierte Prozess mit aufeinander aufbauenden Phasen, Zeitstruktur und Rollenklarheit und die partizipative Formulierung von Zielen, Themen und Fragestellungen[9].

Kritikpunkte der Zukunftswerkstatt liegen vor allem in der Ausblendung realer Macht- und Herrschaftsverhältnisse, der geringen Verbindlichkeit der erzielten Ergebnisse und in der angenommenen Bereitschaft und Motivation der Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu einem offenen und fairen Dialog[10]. Da die Projektwerkstatt auf Kleingruppen von 15–40 Personen ausgelegt ist, stellt sich auch die Frage nach der Kompatibilität mit Großgruppenprozessen. Zur Etablierung von Zukunftswerkstätten bedarf es einer professionellen Organisation und Moderation. Es empfiehlt sich, sich auf bestehende professionalisierte Institutionen und Organisationen zu stützen[11].

Fußnoten[Bearbeiten]

  1. Baumann, Frank/Detlefsen, Malte/Iversen, Sven/Vogelsang, Lars (2004): Neue Tendenzen bei Bürgerbeteiligungsprozessen in Deutschland. Veränderte Rahmenbedingungen, Praktiken und deren Auswirkungen. Berlin. S.34
  2. Jungk, Robert/Müllert, Norbert R. (1997): Zukunftswerkstätten. Mit Phantasie gegen Routine und Resignation. München, 1997. S.12f.
  3. vgl. ebd.: 17
  4. vgl. Baumann/Detlefsen/Iversen/Vogelsang 2004: 34f.
  5. Ködelpeter, Thomas (2003): Zukunftswerkstatt. In: Astrid, Ley/Weitz, Ludwig (Hrsg.) (2003): Praxis Bürgerbeteiligung. Ein Methodenhandbuch. Bonn, S. 283
  6. Lechler, Michael (1992): Zukunftswerkstätten. Kreativität und Aktivierung für lokales Bürgerengagement. Bonn, 1992. S.5
  7. Jungk/Müllert 1997: 15
  8. vgl. ebd.: 183
  9. Auch der dadurch entstehende Lernprozess kann als positives Element betrachtet werden (vgl. Ködelpeter 2003: 285).
  10. vgl. Ködelpeter 2003: 285
  11. vgl. Lechler 1992: 70f.


Quelle[Bearbeiten]

  • Sarcinelli, Ulrich/ König, Mathias/ König, Wolfgang: Bürgerbeteiligung im Rahmen der Kommunal- und Verwaltungsreform in Rheinland-Pfalz. Gutachten zur Bürgerbeteiligung in der Freiwilligkeitsphase. Leitfaden für kommunale Gebietskörperschaften. Universität Koblenz-Landau, Campus Landau Institut für Sozialwissenschaften, Abt. Politikwissenschaft, Juli 2010