Bespielbare Stadt

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Das Konzept "Bespielbare Stadt" ist ein Versuch, den öffentlichen Raum einer Stadt für Kinder zurückzugewinnen. Den Kindern soll eine eigenständige Mobilität im Stadtraum ermöglicht und zugleich attraktiv gemacht werden. Dazu werden unter umfassender Beteiligung der Kinder für sie wichtige Orte (wie Schulen, Spielplätze) durch ein Netz sicherer Wege verbunden, die zusätzlich durch Spielobjekte aufgewertet werden. Beispielhaft wurde dies Konzept durch die Stadt Griesheim in Hessen verwirklicht.

Das Problem[Bearbeiten]

Kinder kommen im öffentlichen Raum kaum noch vor.[1] Die von ihnen genutzten Orte stellen Inseln im Stadtraum dar, zwischen denen sie immer häufiger umhergefahren werden. Wenn sie ihre Wege zu Fuß zurücklegen, empfinden sie sie als eintönig ("rechts die Häuserwand, links die Autowand und unten das einförmige Verbundsteinpflaster des Gehweges")[2].

Diese Beobachtung war Ausgangspunkt für die Entwicklung des Konzepts "Bespielbare Stadt". Für seine Entwicklung spielten zwei Personen eine entscheidende Rolle:

  • Norbert Leber, Bürgermeister von Griesheim war seit seinem Amtsantritt im Jahr 1987 u. a. für eine intensive Beteiligung von Kindern an der Stadtentwicklung eingetreten. So führte er regelmäßige Sprechstunden der 3. und 4. Klassen beim Bürgermeister, Führungen von Schulklassen durch das Rathaus sowie einen historischen Stadtrundgang für Kinder ein. Schulwegkonzepte durch die Kommune werden aufgrund von Befragungen bzw. unter aktiver Beteiligung der Kinder erstellt.[3]
  • Professor Bernhard Meyer von der Evangelischen Fachhochschule (EFH) in Darmstadt beschäftigt sich seit den 80er Jahren mit Spielräumen für Kinder und Jugendliche und engagiert sich besonders für deren Beteiligung an einer nachhaltigen Stadtentwicklung.

Das Konzept[Bearbeiten]

Ausgangspunkt war ein Praxisforschungsprojekt, dessen Ziel es war, den öffentlichen Raum für Kinder zurückzuerobern. Aufgrund der Unterstützung durch Bürgermeister, Verwaltung und Schulleitungen konnte es in Griesheim verwirklicht werden. "Zunächst markierten die Schulkinder mit Kreide ihren Schulweg. In einer Fragebogenaktion wurde sichtbar, welche anderen Orte für Kinder noch wichtig sind (wie zum Beispiel der Sportplatz und der Einkaufsmarkt) und wie sie dorthin kommen. Am Ende konnten alle in einer Stadtkarte sehen, wie das Kinderwegenetz aussieht. Nun untersuchte der Wissenschaftler alle entsprechenden Straßen, ob sich dort noch freie Flächen fanden. Meyer: „Es war überraschend, weil es mehr als einhundert Möglichkeiten waren.“ Nachdem das Ordnungs‐ und das Liegenschaftsamt das Ergebnis genau geprüft hatten, blieben noch 101 Flächen übrig. Dafür wurden geeignete Spielobjekte ausgesucht, die vor allem ein Merkmal hatten, nämlich nicht eindeutig zu sein. Jeder kann sie zu dem machen, was gerade angesagt ist: etwas zum Klettern, Hüpfen, Sitzen und vieles mehr. (...)

Ergänzt wird dieses Konzept noch durch „Spielstraße auf Zeit“. Hier verändern sich verschiedene Griesheimer Straßen für jeweils einen Nachmittag zu einer echten Spielstraße, nämlich einer Straße ohne Autos. Meyer: „Auf diese Weise ist die Stadt nicht nur kindgerechter geworden, sondern die Griesheimer Kinder können sich jetzt durch ihre Stadt hindurchspielen.“ Zusätzlich zu den 25 Spielplätzen gibt es weitere 101 Spielobjekte, die an den Kinderwegen einladen, sich wieder auf die Socken zu machen. Eine Befragung von 850 Grundschülern zeigte, dass alle Kinder diese Veränderung bemerkt haben. Drei von vier Kindern bewerten dies positiv."[4]

Auszeichnungen[Bearbeiten]

  • Beim 15. ADAC-Wettbewerb für Städte und Gemeinden 2008 gehörte Griesheim in der Kategorie “Schülerverkehr” zu den Siegerstädten
  • Beim europäischen Wettbewerb der Stiftung "Lebendige Stadt" 2009 mit dem Thema "Wege in der Stadt: Kinderfreundliche Mobilität" gewann das Konzept "Bespielbare Stadt" den Hauptpreis. "Die Jury überzeugte besonders der Ansatz, mit einer umfassenden Beteiligung von Kindern den öffentlichen Raum nicht nur nach dem Aspekt der Verkehrssicherheit zu beurteilen, sondern die Mobilität weit gefasst als freies Bewegen und Spielen auf öffentlichen Wegen zu verstehen. (...) Als vorbildhaft sahen die Jurymitglieder die Art und Weise an, wie in Griesheim die Rückeroberung der Straße durch Kinder und Jugendliche ermöglicht werde. Durch einfache Spielgeräte werde Anlass zum gemeinsamen Laufen und Verweilen gegeben."[5]
  • Im Rahmen der Preisverleihung zum Deutschen SPIELRAUM-Preis 2009 wurde das Konzept „Bespielbare Stadt“ mit dem Sonderpreis ausgezeichnet.

Fußnoten[Bearbeiten]

  1. Vgl. zur Rückgewinnung des öffentlichen Raumes auch das Konzept Shared Space
  2. EFH Darmstadt: Griesheim – die erste bespielbare Stadt Deutschlands
  3. Bürgermeister Norbert Leber: Unser Griesheim - Die Bespielbare Stadt, Rede anlässlich der Deklaration der Stadt Griesheim als erste bespielbare Stadt Deutschlands (Sept. 2009)
  4. EFH Darmstadt: Griesheim – die erste bespielbare Stadt Deutschlands
  5. Stiftung Lebendige Stadt: Stiftungspreis 2009 - „Lebendige Stadt“ zeichnet Griesheim in Hessen für sein kinderfreundliches Mobilitätskonzept aus

Literatur[Bearbeiten]

  • Bernhard Meyer: Die bespielbare Stadt. Die Rückeroberung des öffentlichen Raumes, Shaker Verlag Aachen 2009, 86 Seiten, 226 Abbildungen, ISBN 978-3-8322-8426-8, 14,80 € (als pdf-Download 3,70 €), Verlagsseite zum Buch

Weblinks[Bearbeiten]

  • Bürgermeister Norbert Leber: Unser Griesheim - Die Bespielbare Stadt, Rede anlässlich der Deklaration der Stadt Griesheim als erste bespielbare Stadt Deutschlands (Sept. 2009; pdf-Format, 2 Seiten)

Siehe auch[Bearbeiten]