Energieautarkie - das Beispiel Feldheim

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von: Conrad Kunze (siehe Diskussionsseite)

Die neue Form des Stadtwerks ist dezentral, kleinteilig und nachhaltig[Bearbeiten]

Seit einigen Jahren hört man immer wieder von ihr, als Retterin notleidender Kommunen in demographischer (und finanzieller) Bedrängnis. Von den einen wird sie gefeiert, von anderen als Fata Morgana verspottet. Nein, hier ist nicht die Rede von der Zentralbank. Die Hoffnung abgehängter Dörfer und Kleinstädte ist ein Konzept, eine neue Wirtschaftsweise und Selbsthilfe: Energieautarkie.

Der ländliche Raum könnte zu den Gewinnern dieses Jahrhunderts zählen, dann nämlich, wenn Energie nicht mehr aus der Vertikalen kommt in Form von Öl und Gas, sondern aus der Horizontalen. Denn Windräder, Solarzellen und “Energiepflanzen” brauchen vor allem eines: Fläche. Regionen können diese Chance entweder nutzen und die Energie auf ihren Flächen selber produzieren oder ihre Flächen verpachten und verkaufen, so dass andere (weiterhin) das Gros des Gewinns abschöpfen.

Wie es richtig gemacht wird, zeigt das derzeit hoch gehandelte Dorf Feldheim in Süd-West-Brandenburg. Feldheim nennt sich nicht umsonst “energieautarke Kommune”. Die Wärme für 45 der 50 Haushalte im Dorf kommt aus Roggen und Restholz, das in der Umgebung wächst. Zu Strom und Wärme wird es in einer Biomasseanlage der ansässigen Agrargenossenschaft und der Firma Energiequelle. Letztere betreibt auch einen großen Windpark mit derzeit 43 Windrädern in der Nähe des Dorfes, der so viel Elektrizität erzeugt, dass ein winziger Bruchteil davon ausreicht, um das ganze Dorf zu versorgen.

Doch wie kommt der Strom vom Windpark ins Dorf? Über das Netz natürlich; dachten sich auch die Feldheimer. Doch man hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht, die EnviaM (eine Vattenfall-Tochter) zeigte verständlicherweise wenig Interesse, ihr bequemes Monopol aufzugeben. Kurz entschlossen begann man Pläne für ein eigenes Netz zu schmieden, und da ohnehin einmal aufgeschachtet werden musste, sollten gleich mehrere Netze gelegt werden. Zum Strom- kam das Wärmenetz hinzu und auch noch eine neue Wasser- und Internetleitung. Von Ende 2008 bis Ende 2009 wurde alles geplant, diskutiert und finanziert. Seitdem fließen Daten, Wasser und Wärme in neuen Leitungen ins Dorf. 2010 soll auch die Stromleitung in Betrieb genommen werden. Die Netzmonopolisten sträuben sich zwar noch, aber Energiequelle ist optimistisch, dass die Anwälte nicht nur reicher werden, sondern auch zum Recht verhelfen.

Windenergie wird benachteiligt[Bearbeiten]

Für Energiequelle ist Feldheim, so der Geschäftsführer Raschemann, vor allem ein Vorzeigeprojekt, um die Möglichkeiten der erneuerbaren Energien zu demonstrieren. So weit, so gut. Doch warum wird der Strom nicht einfach für den EEG-Festpreis ins normale Netz eingespeist? Dahinter steckt die Gesetzeslage, die dafür sorgt, dass umweltschädlicher Braunkohle- und Atomstrom Vorfahrt hat vor Windstrom. Wenn das Netz voll ist, was in Brandenburg oft vorkommt, müssen einige Windräder abgeschaltet werden; angesichts einer festen Laufzeit von 20 Jahren reine Verschwendung. Windparkbetreiber fahren also immer noch besser, wenn überschüssiger Strom zu Tiefstpreisen verkauft wird, statt überhaupt nicht. Und eben dafür ist ein regionales Niederspannungsnetz notwendig.

Auf der andren Seite profitieren auch die Haushalte in Feldheim, jedenfalls 37 von ihnen. Sie beziehen für die nächsten 10 Jahre den Strom für 16,6 Cent je Kilowattstunde (und 5,95 € monatlichen Grundtarif) und Wärme für 7,5 Cent je Kilowattstunde (und 27,95 € monatlichen Grundtarif). Beide Preise liegen schon heute unter denen von fossiler Energie und werden es umso mehr tun, wenn der Weltölpreis weiter anzieht und mit ihm die Preise für fossile Substitute: Gas, Kohle und Uran.

2020 werden die Kredite abgezahlt sein, so dass Strom- und Wärmenetz ganz in den Besitz der Betreibergesellschaft (eine Co. KG) übergehen, in der jeder Haushalt, die Agrargenossenschaft und die Firma Energiequelle mit je einer Stimme gleichberechtigt vertreten sind. Dafür wurden auch die Gesamtkosten von ca. 300.000 € gestreut. Jeder Haushalt zahlt einmalig 1000 € für den Strom- und 3000 € für den Wasseranschluss, der Rest kommt aus Krediten der KfW, der Investitionsbank Brandenburg und Fördermitteln des Landes.

Abgeschnitten ist das Dorf deswegen aber nicht. Wenn der Strom einmal knapp wird, kann er weiterhin aus dem konventionellen Netz für ca. 22 Cent gekauft werden, was man freilich vermeiden möchte. Deshalb wird eine Scheune, die zugleich als Besucherzentrum dienen soll, mit einer Batterie ausgestattet, welche das Dorf für zwei Tage versorgen könnte, wenn weder Wind noch Sonne ausreichen (einige kleinere und eine große Solaranlage, auch im Besitz der Energiequelle, können Solarstrom einspeisen). Auch kann im Winter an sehr kalten Tagen eine sogenannte Holzhackschnitzelheizung zugeschaltet werden.

Neben den individuellen Gewinnen für jeden einzelnen Haushalt und Energiequelle gibt es auch einen gemeinschaftlichen Mehrwert. Damit konventionelle Elektrizität, gewonnen in den überregionalen Kraftwerken mit fossilen Energieträgern aus aller Welt (oder Holz aus Liberia), und Heizöl ins Dorf fließen, muss ein entsprechend kräftiger Finanzstrom aus dem Dorf abließen. Wo der am Ende bleibt, lässt sich an der Dichte neuer Wolkenkratzern im nahen Osten unschwer erkennen (in Liberia wohl weniger). Selbst wenn die Haushalte also nur wenig sparen würden, profitiert in jedem Falle die Region von einer deutlich gesteigerten Liquidität, durch Kapitalströme, die regional re-investiert werden können, statt nach Riad und Qatar abzufließen. Der Mehrwert bleibt beim Produzenten, und die Energieriesen gehen leer aus.

Schon das österreichische Güssing, das in den frühen 90er Jahren durch seinen Holzreichtum energieautark wurde, verstand sich als Gallierdorf im römischen Reich und hat sich, mit oder ohne Zaubertrank, bis heute dort gehalten. Durch den stark reduzierten (und sinnvoll re-investierten) Kapitalabfluss ist eine wirtschaftliche Blüte eingetreten, die sowohl die Arbeitslosigkeit als auch die demographische Abwärtsspirale fast so schnell hinweggefegt hat wie Obelix eine Legion Römer. Ob dies auch in Brandenburg funktionieren kann, wird sich zeigen, bis jetzt spricht einiges dafür.

Von Feldheim lernen[Bearbeiten]

Um zu prüfen, wo Ihre Gemeinde ansetzen sollte, hilft es, die sozialen Hintergründe Feldheims zu verstehen. Mit 50 Haushalten ist das Dorf klein und übersichtlich, man kennt sich. In einem der Vereine (Fußball-, Heimat, Kultur- und Jagdpächterverein, Feuerwehr) ist fast jeder Anwohner aktives Mitglied. Dort wird über die Nachbarn und auch über das Energieprojekt gesprochen, dort hat jede/r die Chance, Neuigkeiten zu erfahren und Entwicklungen zu besprechen, so dass sich ein breiter Konsens formen konnte, der fast alle Familien im Dorf in das Energieprojekt eingebunden hat. Dies ist von Bedeutung, da ein Netz nur rentabel ist, wenn sich fast alle Anwohner/innen beteiligen. (Die Fixkosten für ein Netz sind weitgehend unabhängig von der Teilnehmerzahl, so dass die pro-Kopf-Kosten mit größerer Teilnahme sinken.)

Die wenigsten Feldheimer haben den Vertrag ganz gelesen oder ganz verstanden. Jedoch gibt es genug Spezialisten unter den Anwohnern (einen Versicherungsfachmann, einen Mittelständler, einige Techniker) die das Projekt auf je einzelne Aspekte hin geprüft haben, so dass die restlichen Anwohner Vertrauen fassen konnten, ohne ausschließlich auf externe Experten angewiesen zu sein. Dazu kommt, dass die Experten, zuallererst der Geschäftsführer der Energiequelle, seit 1994 mit dem Dorf verbunden sind. So wurde in einem Jahrzehnt aus einigen Windrädern ein ganzer Windpark, in dessen Ausbaustufen das Dorf jedes Mal profitierte: Erst kam ein neuer Sportplatz, dann die Flutlichtanlage, die Straßenerneuerung und Straßenbeleuchtung; ganz zu schweigen von stets gutem Steueraufkommen. Auch wurde in Absprache mit den Anwohnern beschlossen, den Windpark ausschließlich auf der windabgewandten Seite zu errichten und Pappeln in die Sichtachse zu pflanzen, die in den nächsten Jahren den Blick auf den Windpark verdecken werden.

Durch Verpachten ihrer Grundstücke für die Windturbinen haben nicht wenige Familien ein zusätzliches Einkommen geschaffen, das gerade in Ostdeutschland viel zählt. Für die letzte Ausbaustufe des Windparks forderte Feldheim Arbeitsplätze im Dorf und erhielt sie mit einer Solarmodulfabrik, die über 20 Personen beschäftigt. Ohne das doppelte Vertrauensverhältnis, sowohl innerhalb des Dorfes als auch zwischen Dorf und Energiequelle, hätte weder der Windpark noch der Netzneubau eine Chance gehabt. (Vor der Gemeindereform 2002 lag die Verantwortung für die Zulassung von Windrädern alleine bei den Kommunen, der Gemeinderat war also in einer guten Verhandlungsposition.)

Von 1994 bis 2010 ist die Energieinfrastruktur in technischer Hinsicht durch viele kleine Schritte immer weiter gewachsen: Aus einigen Windrädern wurden 43, dazu kam im zweiten Bauabschnitt ein „Bürgerwindrad“, später eine Freiflächensolaranlage, Solarmodulfabrik und Biogasanlage und schließlich das Wärme- und Stromnetz.

Zugleich ist auch die soziale Infrastruktur und das Vertrauen ineinander gewachsen: von der ursprünglichen Ahnungslosigkeit der Anwohner über Skepsis bis zu detailliertem Wissen über Vor- und Nachteile. Aus einigen wenigen Gemeinderäten mit Verhandlungskompetenz (gegenüber Energiequelle) sind viele geworden, zugleich sind mehr Anwohner (meist Männer) mit technischen und finanziellen Aspekten vertraut geworden. Da Vereinbarungen stets eingehalten wurden, ist allmählich ein Vertrauensverhältnis zwischen Dorf, Energiequelle und Agrargenossenschaft entstanden, das schließlich stabil genug war, das Netzprojekt zu tragen.

Feldheim wurde neben Jühnde und Effelter im bundesweiten Wettbewerb Bioenergiedörfer 2010 ausgezeichnet. Der Preis wurde an Feldheim vergeben, weil es "ein Modellvorhaben für die Machbarkeit einer nicht nur rechnerischen, sondern auch technisch-physikalischen Vollversorgung mit Strom und Wärme aus regenerativen Energien" sei.

Geht das auch anderswo?[Bearbeiten]

Nun wird Ihre Gemeinde sicherlich nicht in allen Punkten mit Feldheim identisch sein und muss es auch nicht. Aus der Forschung über Energieprojekte zeigt sich, dass es viele Wege zum Ziel gibt – und ebenso viele mögliche Fehler, die Ihre Gemeinde freilich nicht alle wiederholen muss:

  • Sofort Energieautarkie anzustreben. Stattdessen sollten peu a peu möglichst viele und möglichst verschiedene Energieerzeuger angesiedelt werden: Solar (Strom und Wärme), Wind (auch Miniwindräder, Bürgerwindräder), Wasserturbinen, Blockheizkraftwerke und Biogasanlagen.
  • Alles aus Ungeduld einem externen Investor übertragen. Kleine Anlagen, in vielen Schritten errichtet, können eher von Anwohnern, Mittelständlern, der öffentlichen Hand oder der Sparkasse finanziert werden. (Bürgerwindräder sind teuer, aber möglich.) So bleibt der Gewinn in der Region! Ein externer Investor spart oft viel Zeit und Mühe, nimmt dafür aber auch die Gewinne mit. Die Möglichkeiten lokaler Wertschöpfung werden damit verspielt.
  • Sich strikt weigern, überhaupt externe Investoren zuzulassen. Damit schießen Sie übers Ziel hinaus. Know how und Kapital können selten ganz aus der Region kommen. Ein guter Mittelweg ist es, wie in Feldheim, einen (oder einige) Mittelständler von außerhalb in mehreren kleinen, zeitlich versetzen Stufen so einzubinden, dass möglichst viel Gewinn, Arbeit und Mitsprache in der Region bleiben. Der Schlüssel dafür ist meist das Netz; hier kommt es darauf an, für lokale Finanzierung und Teilhabe zu sorgen.
  • Sorgen der Anwohner nicht ernst zu nehmen. Oft fehlt das nötige Wissen, um ein Projekt wie ein Wärmenetz oder eine Bürgersolaranlage diskutieren zu können, was zu Unsicherheit und mangelndem Vertrauen führt. Selbst Windparks können verhandelt werden, wenn Anwohner nicht nur ausreichend informiert sind, sondern auch mitreden können. Ein bis zwei Jahre Vorbereitung mit mehreren Informationsveranstaltungen und Ausflügen in Vorbildregionen sind für komplexe Projekte wie Wärme- und Stromnetze notwendig. Bei Bürgersolaranlagen oder Windrädern reichen einige Informationsveranstaltungen, keinesfalls aber nur eine.
  • Anwohner zu früh einbinden. Alle öffentlichen Gebäude können in kurzer Zeit mit Photovoltaik, Solarthermie, Miniwindrädern und Blockheizkraftwerken ausgestattet werden ohne langwierige Bürgerbeteiligung. Banken sind hier ausnahmsweise freigiebig (da das EEG Sicherheit bietet). Die Gemeinde spart sofort Energiekosten und legt mit der ersten Solarzelle den Grundstein für ein dezentrales Stadtwerk. Wenn die Vorzüge erst einmal wahrnehmbar sind (Geld für die Kita, Dorffest etc.), trägt das mehr zur Akzeptanz bei als alles andere.
  • Alles alleine machen. Sprechen Sie frühzeitig mit den Vorständen der Vereine, der Feuerwehr, dem Pfarrer, dem Mittelstand. Überzeugen Sie diesen Kreis, ist die Mitarbeit der Anwohner fast sicher. Mittelständler kommen als Auftragnehmer, Finanziers und Energieabnehmer in Betracht. Holzverarbeiter, Landwirte und Forstwirte sind mögliche Biomasselieferanten. Wenn ein Windpark kommt, ist es sehr hilfreich, sich auf Mindestpreise für zu verpachtendes Land zu einigen und sich im Vorfeld abzustimmen! Laden Sie zu Informationsveranstaltungen Experten ein, besser wenige als viele, und noch besser, wenn diese aus einer vergleichbaren Gemeinde kommen und von ihren praktischen Erfahrungen berichten können. Lassen sie den Stadt-/Gemeinderat, wenn alles weit genug gediehen ist, ein Ziel aufstellen, die Gemeinde innerhalb einer Frist zur Klimaschutzregion zu entwickeln oder energieautark zu werden oder ein dezentrales Stadtwerk zu gründen etc. Um komplexe Projekte mit Netzen sollte sich eine verantwortliche Person kümmern, ein einzelner Bürgermeister ist hier schnell überlastet.
  • Die Phantasie der Anwohner überfordern. Über Energieprojekte sprechen heißt, abstrakt über die Zukunft nachzudenken, was nicht alle, aber viele Anwohner überfordern kann. Ein gemeinsamer Ausflug nach Feldheim, Güssing, Jühnde oder ein anderes Energiedorf spart vielfaches Erklären und Überzeugen!
  • Nur ökonomisch argumentieren. Dass erneuerbare Energien nebenbei das Klima retten, ist für Anwohner oft wichtiger als für kühl rechnende Bürgermeister. Beides sollte aber erklärt werden: warum erneuerbare Energien ökologisch erstrebenswert sind, warum sie der Region nützen und, natürlich, warum sie dem Steuersäckel und jedem einzelnen Haushalt finanziell einträglich sind.
  • Das Teller-Tank Problem ignorieren. Es lässt sich nicht wegschwatzen, besonders gegenüber Landwirten: Der Acker produziert entweder Energie oder Nahrung. Ein Quadratmeter Fläche liefert die höchste Energieausbeute mit Windkraft, gefolgt von Solaranlagen, und erst mit sehr viel Abstand kommen Holz, Raps und sonstige Energieplantagen. Die Hauptlast sollten deshalb Wind, Sonne und Wasser liefern, nicht Biomasse! Eine gute Alternative ist, aus Bio-, Papiermüll und Gülle “flächenneutral” Wärme und Strom zu gewinnen.

In unterschiedlichen Reihenfolgen, Tempi und Variationen kann eine Gemeinde heute den Weg zu einer umweltfreundlichen Energieinfrastruktur gehen, an dessen Ende nicht weniger als ein dezentrales und nachhaltiges Stadtwerk steht. In die Zukunft gedacht, können sich solche Regionen zu einem Verbund zusammenschließen, der fluktuierende Energieangebote ausgleicht und es mit den Monopolisten (Römern) aufnehmen kann. Aus abgehängten ländlichen Regionen können so wieder wirtschaftlich aktive Orte werden, die junge Menschen in der Region halten und nebenbei einen großen Beitrag zum Klimaschutz leisten.

Weiterführende Informationen[Bearbeiten]