Hessenkasse

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Im Juli 2017 kündigte der hessische Finanzminister Schäfer ein neues Hilfsprogramm für verschuldete Kommunen mit der Bezeichnung "Hessenkasse" an. Es ersetzt nicht den Entschuldungsfonds ("Schutzschirm"), sondern ergänzt ihn. Trotz des Schutzschirms gibt es eine Reihe von überschuldeten Kommunen, die entweder nicht unter die Kriterien des Schutzschirms fielen, ihm wegen der damit verbundenen Bedingungen nicht beigetreten sind oder erst nach Inkraftteten des Schutzschirms in eine finanzielle Notlage gerieten.

Das entsprechende Landesgesetz soll im April 2018 verabschiedet werden. Die "Hessenkasse" besteht aus zwei voneinander unabhängigen Programmen: Übernahme von kommunalen Kassenkrediten durch das Land und Investitionshilfen für nicht überschuldete Kommunen.

Übernahme der Kassenkredite durch das Land[Bearbeiten]

Das Land bietet den Kommunen an, zum Stichtag 1. Juli 2018 ihre bis dahin aufgelaufenen Kassenkredite vollständig zu übernehmen. Die Kommune trägt dabei weiterhin Zins- und Tilgungsleistungen, im Durchschnitt jedoch nur in einem Drittel der Höhe, die ansonsten fällig wäre, nämlich ca. 25 € je Einwohner/in und Jahr. Die restlichen zwei Drittel trägt das Land mit Hilfe auch von Bundesmitteln. Den Kommunen, die mit diesen Raten nach 30 Jahren ihre Kassenkredite noch nicht abgezahlt haben, soll dann die Restschuld erlassen werden; nach jetziger Lage dürften das etwa 30 Kommunen sein. Bei den Kassenkrediten der hessischen Kommunen geht es um einen Gesamtbetrag von etwas über 5 Mrd. €, die sich auf ca. 265 (von 447) Kommunen verteilen.[1]

Abgewickelt wird das Programm über die landeseigene Wirtschafts- und Infrastrukturbank Hessen. Da diese die notwendigen Kredite aufnimmt, erscheinen sie nicht in der staatlichen Finanzstatistik; das Land Hessen kommt so auch nicht in Konflikt mit der Schuldenbremse. Bestandteil des Progamms soll auch ein umfassendes Betreuungs-, Beratungs- und Organisationsangebot durch die Landesregierung und die Wirtschafts- und Infrastrukturbank sein. Die Kommunen erhalten die Entschuldung nicht automatisch, sondern müssen sich zur Teilnahme an der Hessenkasse bewerben. Unter der Nummer 0611/324488 betreibt das Finanzministerium eine Hotline für Kommunen, die Beratung suchen.[2]

Bis Ende August 2017 hatten die allermeisten Kommunen die notwendigen Daten an das Land gemeldet.[3] Mit allen interessierten Kommunen werden individuelle Beratungsgespräche geführt, die meisten (ca. 230) sollen im März 2018 abgeschlossen sein. Bis Mitte 2018 sollen dann die notwendigen Beschlüsse in den Kommunen erfolgen.[4]

Änderung der Gemeindeordnung geplant[Bearbeiten]

Im Gegenzug soll die Genehmigungspraxis für Kassenkredite strikter werden. Kassenkredite sollen auf ihre ursprüngliche Funktion, kurzfristig die Liquidität sicherzustellen, zurückgeführt werden, d.h. sie sind nur noch mit kurzen Laufzeiten zulässig. Dazu wird möglicherweise auch das kommunale Haushaltsrecht geändert. Damit fällt für die Kommunen eine - zumindest derzeit - sehr zinsgünstige Finanzierungsmöglichkeit weg. Weiterhin sollen die Kommunen zukünftig verpflichtet werden, einen Liquiditätspuffer in Höhe von 2% der jährlichen Einnahmen vorzuhalten.

600-Mio.-Investitionsprogramm[Bearbeiten]

Um dem Vorwurf zu begegnen, die Übernahme von Kassenkrediten bestrafe sparsame Kommunen (nämlich solche, die keine Kassenkredite aufgenommen haben), wird als zweite Komponente ein Investitionsprogramm in Höhe von ca. 600 Mio. €[5] für finanzschwache Kommunen aufgelegt, die voraussichtlich bis Mitte 2018 keine Kassenkredite haben. Daran können ca. 200 Kommunen teilnehmen, die mindestens je 750.000 € erhalten. Beispielsweise erhält der Wetteraukreis rund 31 Mio. €, der Kreis Waldeck-Frankenberg 16,3 Mio. €, der Hochtaunuskreis etwas über 3 Mio. €; Fulda kann 14,1 Mio. € erwarten, Maintal (Main-Kinzig-Kreis) bis zu 8,3 Mio. €, GroßGerau 4,3 Mio. €, Lauterbach (Vogelsbergkreis) rund 3,4 Mio. €, Homberg (Ohm) 1,46 Mio. €, Mücke 1,87 Mio. €, Nauheim 2,057 Mio. €. Die Mittel werden nur auf Antrag zur Verfügung gestellt. Die damit getätigten Investitionen erfordern einen kommunalen Eigenanteil von 10%, der notfalls über einen Kredit der Wirtschafts- und Infrastrukturbank, dessen Zinsen vom Land getragen werden. Insgesamt können rund 92% der hessischen Kommunen entweder an der Hessenkasse oder am Investitionsprogramm teilnehmen. Nicht antragsberechtigt sind beispielsweise Eschborn, Bad Homburg, Kronberg, der Main-Taunus-Kreis, Frankfurt am Main, Friedrichsdorf, Limburg und Wiesbaden, die nicht als finanz- oder strukturschwach angesehen werden.[6]

Finanzierung und Kritik[Bearbeiten]

Die Landesregierung beziffert den kommunalen Anteil an der Tilgung der Kassenkredite (über 30 Jahre hinweg) auf ca. 100 Mio. € jährlich, den Landesanteil auf ca. 200 Mio. € jährlich. Zu diesem Landesanteil gehören jedoch auch Mittel nach dem Bundesteilhabegesetz (nach Länderfinanzausgleich), aus dem Kommunalanteil Fonds Deutsche Einheit (Absenkung der erhöhten Gewerbesteuerumlage), aus dem Landesanteil Fonds Deutsche Einheit sowie im Landesausgleichsstock entbehrliche Mittel.[7] Damit sind hier auch Mittel enthalten, die ohne die Hessenkasse auch an die Kommunen geflossen wären, wenn auch nach anderen Verteilmechanismen. Damit finanzieren die Kommunen - insbesondere auch jene, die keine Kassenkredite abzutragen haben - die Hessenkasse faktisch mit. Nach Angaben von Uwe Becker, Stadtkämmerer in Frankfurt am Main, geht der Stadt aufgrund der Mitfinanzierung der Hessenkasse im Laufe von 30 Jahren rund eine halbe Mrd. € verloren.[8]

So kommt auch der Hessische Städte- und Gemeindebund zu einer anderen Rechnung als die Landesregierung: Das Land finanziere letztlich nur gut ein Fünftel der Tilgung und müsse seinen Anteil daher erheblich aufstocken. Schließlich trage das Land "eine erhebliche Mitverantwortung dafür, dass das Kassenkreditproblem in Hessen so groß geworden ist".[9]

Die Opposition im hessischen Landtag kritisierte das Programm umgehend. Der haushaltspolitische Sprecher der FDP-Fraktion, Jörg-Uwe Hahn, nannte die Hessenkasse "eine gigantische 'Bad-Bank', die über 30 Jahre neun Milliarden Euro an Zinsen und Tilgung abtragen soll". Dem Landeshaushalt würden dadurch jährlich 200 Millionen Euro entzogen. Das Programm sei außerdem "unausgewogen und unfair.” Schuldenmacher, egal ob sie reich oder arm sind, würden mit Geld aus dem Landeshaushalt belohnt. Für den finanzpolitischen Sprecher der SPD-Fraktion, Norbert Schmitt, ist das Programm ein "unzureichender Wiedergutmachungsversuch". Die Schulden resultierten schließlich daher, dass das Land die Kommunen seit vielen Jahren mit zuwenig Geld ausstatte. Wie der Städte- und Gemeindebund kritisierte er, dass ein Großteil der Mittel für Zins und Tilgung aus kommunalen oder Bundesmitteln stamme. Da den Kommunen in Zukunft die Finanzierung von Deckungslücken über Kassenkredite versperrt ist, fürchtet Schmitt, dass „eine erneute Welle von Gebühren- und Steuererhöhungen auf die Bürgerinnen und Bürger zurollt“, damit die Kommunen den Eigenbeitrag von 25 Euro pro Einwohner aufbringen können. Jan Schalauske, finanzpolitischer Sprecher der Linken-Fraktion, forderte: "Statt nach Kassenlage des Landes immer wieder neue Sonderprogramme aufzulegen, brauchen die Kommunen dauerhaft ausreichende Finanzmittel." Dafür sei das Land verantwortlich. Die Reform des Finanzausgleichs, der sogenannte Schutzschirm, aber auch die Kommunalen Investitionsprogramme I und II hätten offensichtlich selbst aus Sicht von Schwarz-Grün nicht ausgereicht, um die Finanzlage der Kommunen entscheidend zu verbessern.[10]

Eine andere Kritik äußert der Kämmerer der Landeshauptstadt Wiesbaden, Axel Imholz: Kommunen, die Investitionen tätigten und dafür Schulden in Kauf nahmen, erhalten Mittel aus der Hessenkasse; andere, die vorsichtig wirtschafteten und daher zwar keine Schulden, aber einen honen Investitionsbedarf haben (zu diesen gehört Wiesbaden), gehen hingegen leer aus, zumindest dann, wenn sie nicht als finanzschwach eingestuft werden. Er fordert daher, auch Kommunen mit hohen Investitionsbedarfen einzubeziehen.[11]

Auch für die unterstützten Kommunen kann die Teilnahme an der Hessenkasse zu Problemen führen. So erwartet der Landrat des Landkreises Darmstadt-Dieburg, dass die Eigenbeteiligung von 25 € je Einwohner/in und Jahr den Landkreis zwingen könnte, die Kreisumlage zu erhöhen, was die Belastung an die kreisangehörigen Gemeinden weitergeben würde.[12] In Zukunft soll der "Missbrauch" von Kassenkrediten - trotz der momentanen Nullzins-Situation - unterbunden und ein generelles Überschuldungsverbot in die Gemeindeordnung aufgenommen werden; das kann kommunale Handlungsspielräume weiter einschränken.

Vorbild für andere Länder?[Bearbeiten]

Die Einführung der Hessenkasse hat in anderen Bundesländern zu Forderungen geführt, neue Landesprogramme mit gleicher Stoßrichtung aufzulegen, so in NRW (siehe hierzu den Artikel Stärkungspakt (Nordrhein-Westfalen)) und in Rheinland-Pfalz (siehe hierzu den Artikel Kommunaler Entschuldungsfonds (Rheinland-Pfalz)).

Fußnoten[Bearbeiten]

  1. Ursprünglich war ein Gesamtvolumen von 6 Mrd. € angekündigt worden; davon entfallen allein auf die Stadt Offenbach ca. 380 Mio. €, den Kreis Offenbach gut 500 Mio. €; vgl. focus, Kreis Offenbach begrüßt Programm zur Entschuldung hessischer Kommunen von Kassenkrediten, 04.07.2017; Hessen-Depesche: Offenbach: Roland Walter (CDU) begrüßt "Hessenkasse" für den kommunalen Haushalt, 06.07.2017. Wegen der verbesserten Finanzlage wurde das Programm im Januar 2018 auf gut 5 Mrd. € gekürzt, vgl. hessenschau: Volumen der Hessenkasse sinkt, 30.1.2018
  2. BundesFinanzPortal, „Ab heute heißt es: Wählen Sie 0611/324488“, 22.07.2017
  3. Frankfurter neue Presse: Schäfer: Großes Interesse der Kommunen an Hessenkasse, 30.08.2017
  4. focus: Zahl der Beratungsgespräche für Hessenkasse steigt, 12.02.2018
  5. Die ursprünglich genannte Summe von 510 Mio. € wurde im Januar 2018 aufgestockt, vgl. vgl. hessenschau: Volumen der Hessenkasse sinkt, 30.1.2018
  6. Echo online, Hilfe für Kommunen: Entschuldungen und Investitionen mit Hessenkasse, 24.10.2017; hessenschau, Unerwarteter Geldsegen für Kommunen, 26.10.2017; Gießener Anzeiger: Schwarz-Grün will Kommunen belohnen, die gut gehaushaltet haben, 25.10.2017; Frankfurter Neue Presse, Geldsegen für Hessens Kommunen, 25.10.2017; Lauterbacher Anzeiger: Warmer Geldregen für Lauterbach, 25.10.2017; Frankfurter Neue Presse: Nauheim bekommt zwei Millionen Euro aus der Hessenkasse, 28.10.2017
  7. Andreas Burth: Hessenkasse ante portas: Die kommunalen Kassenkredite in Hessen
  8. hessenschau, Kontroverse um kommunale Haushalte, 21.11.2017
  9. Hessischer Städte- und Gemeindebund, Land muss schon die ganze Hand reichen, Pressemitteilung vom 04.07.2017. Zur Kritik der kommunalen Spitzenverbände am Eigenanteil der Kommunen siehe auch Frankfurter Rundschau, Streit über die Hessenkasse, 16.11.2017
  10. Hessenschau, Hessenkasse tilgt Dispo-Kredite der Kommunen, 04.07.2017; Frankfurter Neue Presse, Neue „Hessenkasse” stößt auf Kritik, 04.07.2017; Wiesbadener Kurier: Land hilft Kommunen mit neuer "Hessenkasse" beim Schuldenabbau, 04.07.2017; FR, Hessen entlastet Kommunen, 05.07.2017. Vgl. zur Kritik an der Hessenkasse auch: primavera24, Diskussion um Schuldenabbau der Kommunen, 25.10.2017
  11. Wiesbadener Tagblatt: "Wir sind die Gekniffenen": Wiesbaden geht bei Landesprogramm Hessenkasse leer aus, 28.10.2017. Siehe auch das Beispiel Mainhausen: Frankfurter Rundschau, Wir und reich, das muss ein Irrtum sein, 16.11.2017
  12. Echo online, Landkreis profitiert vom neuen Entschuldungsplan des Landes / Chance bringt auch Probleme, 21.10.2017

Weblinks, Literatur[Bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten]