Kommunaler Stabilitäts- und Zukunftspakt (Baden-Württemberg)

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Dieser Artikel behandelt die Hilfen des Landes Baden-Württemberg an die Kommunen zur Überwindung der Corona-bedingten Finanzkrise. Zu den Auswirkungen der Pandemie auf die Gemeindefinanzen und dem Konjunkturprogramm des Bundes im Jahr 2020 siehe den Artikel Corona und die Folgen – neue Finanzkrise und Bundeshilfen.

Frühjahr 2020: Prognosen und Forderungen[Bearbeiten]

Am 06.04.2020 veröffentlichten die drei kommunalen Spitzenverbände in Baden-Württemberg einen gemeinsamen Appell an das Land mit der Forderung nach einem finanziellen Schutzschirm. Dieser solle die wegfallenden Steuereinnahmen ersetzen und Zusatzausgaben durch die Corona-Krise durch einen Finanzierungsfonds auffangen sowie ansteigende Sozialausgaben ausgleichen. Außerdem sollten haushaltsrechtliche Rahmenbedingungen flexibilisiert werden (Freistellung vom Erfordernis kurzfristig aufzustellender Nachtragssatzungen, pauschale Genehmigung erweiterter Kassenkreditvolumen und bei Aufstockung der Kreditermächtigung für Investitionen).[1] Das Land stellte frühzeitig eine Soforthilfe in Höhe von 100 Mio. € auf die Beine, um vor allem den Verzicht auf Kita-Gebühren auszugleichen. Weitere 100 Mio. € wurden Ende April angekündigt, auch diese jedoch als zweckgebundene Erstattung besonderer Aufwendungen, über die später abgerechnet werden soll.[2] Der Städtetag Baden-Württemberg rechnete Anfang Mai mit Einbrüchen bei der Gewerbesteuer "in einer Größenordnung von 30%" und forderte ein Hilfspaket für die Kommunen: „Wenn wir nicht bald entsprechende Signale bekommen, werden immer mehr Kommunen Haushaltssperren erlassen müssen und freiwillige Leistungen werden dann nicht mehr möglich sein.“ Auch der Städtetag wollte mit ausgewählten Mitgliedskommunen zu mehreren Stichtagen Finanzdaten erfassen.[3]

Aus der Steuerschätzung vom Mai 2020 ergab sich für die Kommunen Baden-Württembergs ein Minus bei den Steuereinnahmen (gemessen an der Prognose vom Herbst 2019) von 3,6 Mrd. € im Jahr 2020, davon allein 1,9 Mrd. € bei der Gewerbesteuer. 2021 müssten Gemeinden, Städte und Kreise mit einem Steuerausfall von rund 2,3 Mrd. € kalkulieren. Am 25.5. begannen Gespräche zwischen Kommunen und Land.[4] Erstes Ergebnis: Der Kommunale Finanzausgleich wird trotz Einnahmeverlusten des Landes nicht gekürzt und die entsprechenden 500 Mio. € werden als Vorschuss sofort an die Gemeinden ausgezahlt.[5] Dies schafft Liquidität, gleicht die Belastungen der Corona-Krise jedoch nicht nachhaltig aus, zumal die genannten 500 Mio. € nach der ursprünglichen Vereinbarung im Jahr 2021 zurückgezahlt werden sollten.

Juni 2020: Erhebung des Gemeindetags BW[Bearbeiten]

Anfang Mai kündigte der Gemeindetag Baden-Württemberg eine Umfrage unter allen rund 1.000 Gemeinden im Land an, um die finanziellen Belastungen durch die Corona-Krise beziffern zu können.[6] Mitte Juni veröffentlichten die kommunalen Spitzenverbände im Land die Ergebnisse ihrer Erhebungen: Danach fehlten in den Kassen der Kommunen im Jahr 2020 mehr als 4,6 Mrd. €. Davon entfielen auf die Gewerbesteuer ca. 1,9 Mrd. €, auf andere Steuern (entsprechend der Steuerschätzung vom Mai 2020) noch einmal derselbe Betrag, knapp 800 Mio. € betrugen die sonstigen Einnahmeausfälle und Mehrausgaben, die direkt mit der Pandemie zusammenhängen. Die Verbände forderten eine Stabilisierung der Steuereinnahmen durch Bund und Land sowie bezüglich der unmittelbaren Pandemielasten eine faire Lastenteilung.[7]

Mitte Juli wurde der Ton der Kommunen gegenüber dem Land eindringlicher: Noch vor der Sommerpause müsse eine Vereinbarung zustande kommen. Zugesagt sei ein Ersatz für die ausgefallenen Gewerbesteuereinnahmen, dies sei jedoch noch nicht verbindlich beschlossen. Ohne Hilfen des Landes bliebe den meisten Kommunen nur die Haushaltssperre. Das Land kündigte zunächst nur das Vorziehen weiterer Zahlungen aus dem kommunalen Finanzausgleich an.[8]

Ende Juli 2020: kommunaler Stabilitäts- und Zukunftspakt[Bearbeiten]

Rund eine Woche später einigten sich Land und Kommunen in ihrer Gemeinsamen Finanzkommission auf einen "kommunalen Stabilitäts- und Zukunftspakt", der am 28.07.2020 unterzeichnet wurde. Der Gesamtumfang beträgt auf Landesseite ca. 2,9 Mrd. €, weitere 1,4 Mrd. € erhalten die Kommunen aus dem Konjunkturpaket des Bundes. Der Pakt bezieht sich zunächst nur auf das Jahr 2020.

Mit rund 1 Mrd. € werden die voraussichtlichen Verluste der Kommunen im kommunalen Finanzausgleich kompensiert, d.h., die Zuweisungen aus dem Finanzausgleich richten sich nach der urprünglichen Planung ohne Korrektur durch die aktuelle Steuerschätzung, die zunächst angekündigte Pflicht zur Rückzahlung entfällt. Eine weitere Mrd. € gilt als (teilweiser) Ausgleich für die ausfallenden Gewerbesteuereinnahmen (das Bundesprogramm gleicht die verbleibende Hälfte aus). Ca. 250 Mio. € dienen zur Unterstützung kommunaler, kirchlicher und freier Träger sowie zum teilweisen Ausgleich von Einnahmeverlusten von Volkshochschulen, Jugendkunst- und Musikschulen. Ebenso gibt es Finanzhilfen für Krankenhäuser in kommunaler Trägerschaft (ca. 130 Mio. €)[9] sowie für den öffentlichen Personennahverkehr (437 Mio. €, davon 200 Mio. € aus Bundesmitteln). Für den Gesundheitssektor sind im Übrigen knapp 150 Mio. € vorgesehen, davon ein Teil als Sachleistungen (Beatmungsgeräte und Schutzausrüstung); die Gesundheitsämter erhalten 205 zusätzliche Stellen und 17 Mio. € jährlich. Die Mittel des Bundes für die Ausstattung der Schulen mit digitalen Endgeräten werden durch das Land auf 130 Mio. € verdoppelt. Die kommunalen Spitzenverbände im Land begrüßten die Einigung und stellten insbesondere fest, dass auf diese Weise Haushaltssperren "gerade noch rechtzeitig abgewendet werden" konnten.[10]

Umgesetzt wurde die Vereinbarung durch Landtagsbeschluss am 14.10.2020; die Verteilung der Mittel unter den Gemeinden richtet sich nach dem Gewerbesteuer-Nettoaufkommen (d.h. nach Abzug der Gewerbesteuerumlage) der Jahre 2017-2019 im Vergleich zum Aufkommen in den ersten drei Quartalen 2020. Da die Mittel Gewerbesteueraufkommen ersetzen, werden sie im Finanzausgleich 2022 bei der Berechnung der Steuerkraft einbezogen.[11] Die Beträge wurden im November 2020 an die Stadt- und Landkreise ausgezahlt; letztere wurden verpflichtet, sie "unverzüglich" an die kreisangehörigen Gemeinden weiterzuleiten.

November 2020: Steuerausfälle bei 2,2 Mrd. €[Bearbeiten]

Ende November 2020 bezifferte der Städtetag Baden-Württemberg den Ausfall der Steuereinnahmen für die Kommunen des Landes auf 2,2 Mrd. € für das Jahr 2020. Davon gehen 1,7 Mrd. € auf das Konto der Gewerbesteuer. Weitere Einnahmeausfälle und Ausgabensteigerungen aufgrund der Corona-Krise kommen hinzu. Zwar betragen die Hilfen für die Kommunen - einschließlich der Bundesmittel - für 2020 rund 4 Mrd. €, dennoch bleiben in den kommunalen Haushalten Defizite. So rechnet Stuttgart im Ergebnis mit einem Einnahmeverlust von 290 Mio. €, Karlsruhe mit 20 Mio. € und Freiburg mit 17 Mio. €. Landeshilfen für das Jahr 2021 stehen immer noch aus.[12] Die SPD-Opposition im Landtag forderte daher Anfang Februar 2021 weitere Milliardenhilfen des Landes für die Kommunen. Insbesondere müssten die Gewerbesteuerausfälle auch 2021 vollständig kompensiert werden. Der Landeshaushalt verfüge noch über Rücklagen, auch von den 5,8 Mrd. € Kreditmitteln für 2020 seien erst 3 Mrd. € abgeflossen.[13]

2021: Einige Kommunen planen Steuererhöhungen[Bearbeiten]

Nach Angaben des Bundes der Steuerzahler planen 8 der 25 größten baden-württembergischen Städte für 2021 oder 2022 eine Erhöhung der Hebesätze der Grund- oder Gewerbesteuer oder hat dies bereits umgesetzt. An der Spitze steht dabei Tübingen, das den Grundsteuerhebesatz von 560% auf 660% anheben will, auch die Gewerbesteuer soll dort um 10 Prozentpunkte auf 390% steigen. Auch Ravensburg, Ludwigsburg, Esslingen, Schwäbisch-Gmünd und Villingen-Schwenningen werden vom Steuerzahlerbund genannt.[14]

Im März 2021 gab das Sozialministerium bekannt, dass es mit einer freiwilligen Landeshilfe in Höhe von 14 Mio. € die Kommunen bezüglich der Corona-bedingten Mehraufwendungen der Einrichtungen in der Eingliederungs- und Sozialhilfe unterstützt.[15]

Fußnoten[Bearbeiten]

  1. Gemeindetag, Städtetag und Landkreistag Baden-Württemberg: Corona bringt Kommunen in finanzielle Nöte, 06.04.2020, mit Link auf das vollständige Papier; siehe auch: Behörden Spiegel, Kommunen in Baden-Württemberg fordern Schutzschirm, 15.04.2020
  2. Schwäbisches Tagblatt, Land unterstützt Kommunen stärker, 29.04.2020
  3. Städtetag Baden-Württemberg: Kommunalfinanzen durch Corona-Pandemie stark belastet, Pressemitteilung vom 05.05.2020
  4. Stimme.de: Kommunen in der Coronakrise hoffen auf Geld vom Land, 24.05.2020 (Update 29.05.2020)
  5. Stimme.de: Kommunen bekommen finanzielle Hilfe vom Land wegen Corona, 26.05.2020; SWR aktuell: Kommunen in Baden-Württemberg sollen geplante Summe aus Finanzausgleich erhalten, 26.05.2020
  6. Süddeutsche Zeitung: Gemeinden listen Kosten auf: Mehr als "Paketchen" gefordert, 03.05.2020; Badische Zeitung, Wie schlecht geht es den Kommunen in der Corona-Krise wirklich?, 03.05.2020
  7. Gemeinsame Pressemitteilung der kommunalen Spitzenverbände Baden-Württemberg: In den Kassen der Kommunen klaffen große Löcher, 15. Juni 2020 (pdf-Format, 3 Seiten)
  8. Süddeutsche Zeitung: Kassensturz der Städte: Kommunen fehlen 4,6 Milliarden Euro, 08.07.2020; siehe auch Der Neue Kämmerer, BaWü-Städte drängen auf Finanzlösung vor Sommerpause, 10.07.2020
  9. Dieser Betrag wird von einigen kommunalen Krankenhäusern kritisch kommentiert, gibt es doch in Baden-Württemberg rund 200 Krankenhäuser in kommunaler Trägerschaft. Rechnerisch entfallen damit auf jedes von ihnen ca. 650.000 €. Siehe z.B. Corona-Hilfe vom Land: Dankbare Kommunen in der Region und enttäuschte Kliniken, 22.07.2020.
  10. Land Baden-Württemberg: Kommunaler Stabilitäts- und Zukunftspakt steht, Pressemitteilung vom 21.07.2020; NOKZeit, Land kompensiert Ausfälle der Kommunen, 21.07.2020; Der Neue Kämmerer: Baden-Württemberg sagt Kommunen Milliardenhilfen zu, 22.07.2020; Landfunker Regioportal: Kommunaler Stabilitäts- und Zukunftspakt steht, 22.07.2020
  11. Siehe Gesetz zur Änderung des Finanzausgleichsgesetzes vom 14. Oktober 2020, Landtags-Drucksache 16/8858 (vgl. Art. 1, Ziff. 9)
  12. Zeit, Steuereinnahmen bei Kommunen 2,2 Milliarden geringer, 28.11.2020; SWR aktuell, Corona-Bilanz: Kommunen bleiben auf Millionen-Defizit sitzen, 28.11.2020. Siehe beispielhaft zur Lage aus Sicht einiger Kommunen auch: Stuttgarter Zeitung, Kommunen blicken sorgenvoll in die Zukunft, 25.01.2021
  13. Süddeutsche Zeitung, Stoch fordert weitere Milliardenhilfen für die Kommunen, 01.02.2021
  14. Zeit, Steuerzahlerbund warnt vor steigenden Kommunalabgaben, 06.02.2021
  15. Ministerium für Soziales und Integration, Land unterstützt Stadt- und Landkreise mit 14 Mio. Euro in der Eingliederungs- und Sozialhilfe, 10.03.2021

Siehe auch[Bearbeiten]