Kommunales Medizinisches Versorgungszentrum

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Zum Begriff[Bearbeiten]

Ein Kommunales Medizinisches Versorgungszentrum (Kommunales MVZ), auch als Kommunales Gesundheitszentrum, Primärversorgungszentrum oder Gesundheitspark bezeichnet, ist eine Einrichtung, in der mehrere Ärzt*innen (Allgemeinärzt*innen, oft ergänzt um Facharztpraxen) und weitere gesundheitsbezogene Einrichtungen wie Apotheke, Physiotherapie u.ä. unter einen Dach zusammengefasst sind und idealerweise zusammenarbeiten. Es soll als Hausarztpraxis fungieren und erste Anlaufstelle in vielen Gesundheitsfragen sein; vielfach wird es als Antwort auf den zunehmenden Ärztemangel insbesondere in kleineren Gemeinden und ländlichen Räumen gesehen. Für Ärzt*innen kann die Arbeit im Angestelltenverhältnis in einem MVZ attraktiv sein, weil sie mit regelmäßigen Arbeitszeiten und der Möglichkeit von Teilzeit sowie Vertretbarkeit bei Krankheit oder Urlaub rechnen können und die Investition in die Praxis mit dem entsprechenden wirtschaftlichen Risiko entfällt.

Kommunale MVZ sind zu unterscheiden von der bloßen Vermietung von Räumen an eine Arztpraxis in einem kommunalen Gebäude (evtl. neben anderen Gesundheitsberufen) ohne dass eine eigenständige Einrichtung geschaffen wird; in dem Fall arbeiten niedergelassene Ärzt*innen weiterhin als Selbständige. Ebenso sind sie zu unterscheiden vom Gesundheitskiosk, in dem keine Ärzt*innen arbeiten und der als Anlauf- und Beratungsstelle in sozial belasteten Stadtteilen dient. Schließlich sind sie auch zu unterscheiden von einem "regionalen Gesundheitszentrum", das als Ersatz für weggefallene örtliche Krankenhäuser eingerichtet wird und neben einer Pflegeeinheit mit Betten eine Erreichbarkeit rund um die Uhr garantiert.[1]

Rechtliche Grundlagen[Bearbeiten]

Medizinische Versorgungszentren in Trägerschaft von Ärzt*innen oder Krankenhäusern sind seit 2004 rechtliche möglich, in Deutschland gibt es ca. 4.000 MVZ. Im vorliegenden Artikel geht es ausschließlich um MVZ in kommunaler Trägerschaft, die seit 2015 aufgrund des Versorgungsstärkungsgesetzes[2] gesetzlich möglich sind. Waren diese kommunalen Zentren ursprünglich nur in Ausnahmefällen und mit Zustimmung der Kassenärztlichen Vereinigung möglich, wurden die Handlungsspielräume der Kommunen inzwischen deutlich ausgeweitet.

Auch wenn die Kommune Trägerin eines MVZ ist, so muss es immer von einem*r in medizinischen Fragen nicht weisungsgebundenen Ärzt*in geleitet werden. Als Rechtsform für ein kommunales MVZ kommen die Anstalt öffentlichen Rechts (AöR), der Eigenbetrieb, die GmbH oder die Genossenschaft in Frage. Andere, früher zulässige Rechtsformen sind nicht mehr erlaubt, um einen zu großen Einfluss von Investor*innen zu verhindern; vor diesem Verbot gegründete MVZ genießen aber Bestandsschutz.[3]

Rechtsform Genossenschaft[Bearbeiten]

Neben der kommunalen Trägerschaft kann auch das Konzept einer Genossenschaft, in der die Ärzt*innen und andere Beteiligte des BVZ Mitglieder werden, ein interessanter Weg sein. Der Gemeindetag Baden-Württemberg, der Baden-Württembergische Genossenschaftsverband, der Hausärzteverband u.a. legten im September 2019 eine Untersuchung zu einem Modellprojekt vor, in dem genossenschaftliche Hausarztmodelle in 21 Kommunen getestet wurden. Ein medizinisches Versorgungszentrum in der Rechtsform einer Genossenschaft ermöglicht Ärzt/inn/en geregelte Arbeitszeiten, Teamarbeit und bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf und kann so die Niederlassung im ländlichen Raum erleichtern.[4]

Eine erste Ärztegenossenschaft wurde im Herbst 2021 nach langer Auseinandersetzung zwischen dem Kreis und der Kassenärztlichen Vereinigung in Bitburg (Eifelkreis Bitburg-Prüm, Rheinland-Pfalz) gegründet. Die Landesregierung will das Modell verbreiten und dazu ein "Viererbündnis" aus Land, Kommunen, Landesärztekammer und Kassenärztlicher Vereinigung gründen. Künftig sollen auch Krankenhäuser oder Kommunen Anteile einer solchen Genossenschaft übernehmen können.[5]

Initiativen von Bundesländern[Bearbeiten]

Einige Bundesländer leisten Unterstützung bei der Gründung kommunaler MVZ. So können Kommunen in Baden-Württemberg, die ein solches Zentrum aufbauen, auf Antrag einen Zuschuss von bis zu 150.000 € erhalten. Weiterhin ruft die Landesregierung zu Bürgerdialogen zur Verbesserung der Gesundheitsversorgung auf.[6]

Bereits 2019 schlug die Landesregierung des Saarlandes den Kommunen vor, "Anreize für junge Mediziner" zu schaffen und bei Bedarf auch selbst Arztpraxen zu eröffnen. Eine weitere Möglichkeit zur Stärkung der ärztlichen Versorgung sei die Gründung eines Gesundheitsparks, in dem sich Haus- und Fachärzte, Therapeuten und Apotheken ansiedeln. Da Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie eine zentrale Rolle spiele, könnten Kommunen in selbst betriebenen Arztpraxen flexible Arbeitszeiten bieten, außerdem Kitaplätze zur Verfügung stellen und Jobs für Partner anbieten.[7]

Kommunale Beispiele[Bearbeiten]

Logo Gesundheitszentrum Knittlingen
  • Die Gemeinde Knittlingen (Enzkreis, Baden-Württemberg) plant seit 2017 den Bau eines Gesundheitszentrums, in dem mehrere Ärzt*innen unter einem Dach praktizieren. Das "Gesundheitszentrum Knittlingen" (GZK) entsteht als Verlängerung einer bereits bestehenden Zahnärztlichen Gemeinschaftspraxis. Neben Praxen und einer Apotheke sollen dort auch weitere gesundheitsbezogene Einrichtungen wie z.B. Physiotherapie, Hörakustik, Brillenoptik oder ein Sanitätshaus untergebracht werden. Der Projektfortschritt ist fraglich, auch 2022 befindet sich das Vorhaben noch "in der Projektierung", die Webseite ist eine Baustelle.[8]
  • In Kronach (Landkreises Kronach, Bayern) entstand auf Initiative der Kommune ein Medizinisches Versorgungszentrum, dessen Träger allerdings nicht die Kommune ist, sondern der Krankenhauskonzern Helios.[9]
  • Baruth/Mark (Landkreis Teltow-Fläming) war 2021 ganz ohne Hausarztpraxis. Daraufhin errichtete die Gemeinde ein Medizinisches Versorgungszentrum. Dazu wurde eine GmbH gegründet; vier Ärztinnen und Ärzte arbeiten dort in Teilzeit als Angestellte der Stadt.[10]
  • In Breitscheid im Lahn-Dill-Kreis wurde angesichts des drohenden Ärztemangels ein Gesundheitszentrum gegründet. Neben einer Gemeinschaftspraxis gibt es dort eine Apotheke, eine Physiotherapie, eine Tagespflegeeinrichtung und eine Wohngemeinschaft mit Intensivpflege, außerdem einen Optiker, einen Friseur und ein Café. So hat das Zentrum das Potenzial, die Ortmitte zu beleben, sie versammelt insgesamt ca. 150 Arbeitsplätze. Möglich machte das nicht zuletzt ein privater Investor.[11]
  • Die Gemeinde Schwarzenborn (Schwalm-Eder-Kreis, Hessen), mit knapp über 1.000 Einw. die kleinste Stadt Hessens, begann 2016 mit der Errichtung eines kommunalen "Medizinischen Versorgungszentrums" (MVZ) in der Rechtsform einer Anstalt öffentlichen Rechts (AöR). Die Baukosten betrugen 1,2 Mio. € (dafür wurde ein EU-Zuschuss von 200.000 € eingeworben), die Ausstattung kostete weitere 150.000 €. Inzwischen arbeiten dort zwei Ärzt*innen (teils in Teilzeit) sowie vier weitere Fachkräfte, außerdem beherbergt das MVZ einen ambulanten Pflegedienst, eine physiotherapeutische Praxis und eine Zahnarztstation der Bundeswehr. Ein von der Kommune eingesetzter Verwaltungsrat bildet das Aufsichtsorgan, ein dreiköpfiger Vorstand ist für die betriebswirtschaftliche Seite verantwortlich und entlastet so die Ärzt*innen von fachfremden Aufgaben.[12]
  • Nachdem in Plettenberg (Märkischer Kreis, Nordrhein-Westfalen) innerhalb weniger Jahre 16 Hausärzte ihre Praxis aufgaben, plant die Prange Gesundheit GmbH ein zweites Hausarztzentrum im Ort (eines betreibt sie schon seit Mai 2021). Es soll in einem Neubau untergebracht werden, den die Volksbank plant, und frühestens Ende 2024 eröffnet werden.[13]
  • In Kaltenkirchen (Kreis Segeberg, Schleswig-Holstein) scheiterte die Gründung eines kommunalen MVZN lange daran, dass die Kassenärztliche Vereinigung keinen weiteren Arztsitz genehmigen wollte. Inzwischen ist dort die "Medizinisches Versorgungszentrum Manhagen GmbH" entstanden, die jedoch keine hausärztliche Vorsorgung, sondern nur eine Orthopädiepraxis anbietet.[14]
Cover der Studie

Studie der Robert-Bosch-Stiftung 2021[Bearbeiten]

In der Studie "Gesundheitszentren für Deutschland. Wie ein Neustart in der Primärversorgung gelingen kann"[15] stellt die Robert-Bosch-Stiftung zunächst fest, dass in Deutschland im Jahr 2035 voraussichtlich 11.000 Personen im ärztlichen Dienst fehlen werden und 40% aller Landkreise dann unterversorgt oder von Unterversorgung bedroht sein werden. Die Studie prognostiziert auch, für welche Landkreise das gilt. Als Konsequenz fordert die Studie einen "Umbau der Primärversorgung". Ein wichtiger Baustein sei dabei der Aufbau von lokalen, inhaltlich umfassenden Gesundheitszentren, in denen multiprofessionelle Teams von Ärztinnen und Ärzten sowie Pflegenden mit anderen Gesundheitsberufen die Patienten bedarfsorientiert behandeln und optimalerweise deren familiäre und lebensweltliche Umstände kennen. Neben Ärzt*innen, Physiotherapeut*innen, Sozialarbeiter*innen und anderen Berufsgruppen sollen dabei Pflegefachkräfte eine neue Rolle einnehmen: Als „Community Health Nurses“ sollen sie die Koordination sowie die Ersteinschätzung und Beratung von Patient*innen übernehmen und sie beim Umgang mit ihren Krankheiten im Alltag laufend unterstützen.

Die Robert-Bosch-Stiftung stützt sich bei diesen Vorschlägen auf die Erfahrungen mit 13 "Patientenorientierte Zentren zur Primär- und Langzeitversorgung" (PORT-Zentren), die sie als Modellprojekte in 9 Bundesländern fördert.[16] Für viele Medizinier*innen seien diese attraktive Arbeitgeber, zum einen weil sie eine Arbeit im Angestelltenverhältnis und damit bei entsprechenden Wünschen auch in Teilzeit ermöglichen, zum anderen weil viele Mediziner*innen die Arbeit in multiprofessionellen Teams schätzen. Die Robert-Bosch-Stiftung sieht ihren Vorschlag als Teil ihrer Initiative "Neustart! Reformwerkstatt für unser Gesundheitswesen", die seit 2018 angetreten ist, um im Dialog mit Bürger*innen, in Think Labs mit Expert*innen und in gesundheitspolitischen Podien mit der Fachöffentlichkeit neue Ideen für die Gesundheitsversorgung von morgen zu entwickeln

Fußnoten[Bearbeiten]

  1. Siehe dazu beispielsweise die Definition in der ab 2023 geltenden Neufassung des Niedersächsischen Krankenhausgesetzes], § 3 Ziffer 12
  2. Gesetz zur Stärkung der Versorgung in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV-Versorgungsstärkungsgesetz - GKV-VSG)
  3. Quelle für diesen Absatz: Ärztestellen, Das kommunale MVZ: Formen und Vorteile für Ärztinnen und Ärzte; dort auch weitere Angaben zu diesen Rechtsformen und möglichen Hürden.
  4. Siehe Baden-Württembergischer Genossenschaftsverband, Ärztegenossenschaft behebt Landarzt-Notlage, 24.10.2019; Gemeindetag Baden-Württemberg, Pressemitteilung Genossenschaftliche Hausarztmodelle - neue Lösungswege gegen den Ärztemangel, 03.09.2019, sowie einige kurzgefasste Ergebnisse der Untersuchung (pdf-Format, 2 Seiten)
  5. KOMMUNAL, Wegweisendes Modell gegen Ärztemangel, 02.10.2021
  6. ntv: Gesundheitsversorgung von morgen: Land unterstützt Kommunen, 18.06.2019
  7. Saarbrücker Zeitung, Saar-Kommunen sollen Arztpraxen eröffnen, 05.04.2019
  8. Siehe die Homepage: Gesundheitszentrum Knittlingen; siehe auch Pforzheimer Zeitung, Ärztemangel: Kommunen in Sorgen - neue Ideen aus Knittlingen (19.01.2018)
  9. Siehe die Homepage des Helios MVZ Kronach
  10. Deutschlandfunk, Wie Länder und Kommunen Landärzte für sich gewinnen wollen, 15.10.2022
  11. hr-inforadio: Breitscheid: Ein Gesundheitszentrum für den ländlichen Raum, 10.03.2021
  12. Siehe die Homepage MVZ Schwarzenborn; zu den Hintergründen Jürgen Liebermann, Bürgermeister der Stadt Schwarzenborn: MVZ - Eine Arztpraxis in der Hand der Kommune, in KOMMUNAL, 19.10.2021
  13. come-on.de: Gegen den Ärztemangel: Weiteres Hausarztzentrum im MK geplant, 02.07.2022; Tach!, Personeller Ausbau im Hausarztzentrum Plettenberg, 28.01.2022
  14. Siehe die Homepage: Medizinisches Versorgungszentrum Manhagen GmbH
  15. Nolting / Ochmann / Zich (IGES-Institut Berlin, im Auftrag der Robert-Bosch-Stiftung GmbH): [# Gesundheitszentren für Deutschland. Wie ein Neustart in der Primärversorgung gelingen kann], Stuttgart 2021, 886 Seiten, ISBN 978-3-939574-66-8 (Download im pdf-Format kostenlos); siehe dazu auch: Robert-Bosch-Stiftung, Gesundheitszentren für eine bessere Versorgung, Website zur Studie; 2035 fehlen in Deutschland rund 11.000 Hausärzte – Experten empfehlen den Aufbau von Gesundheitszentren, Pressemitteilung vom 27.05.2022, sowie das Pressematerial zur Studie (pdf, 15 Seiten )
  16. Siehe dazu: Robert-Bosch-Stiftung, PORT - Patientenorientierte Zentren zur Primär- und Langzeitversorgung

Siehe auch[Bearbeiten]